Heppenheim

Züchter sprechen über Nachwuchsprobleme bei Schafen und Ziegen und dem richtigen Umgang mit dem „neuen alten Feind“

Von schlappen Böcken und dem bösen Wolf

Archivartikel

Kirschhausen.Eine möglicher Ausbruch der Blauzungenkrankheit, Unfruchtbarkeit von Böcken – und natürlich der Wolf: Es sind viele Themen, die Schaf- und Ziegenhalter an der Bergstraße derzeit umtreiben. Im Rahmen der „Landwirtschaftlichen Woche“ veranstaltete der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) deshalb eine Bezirksversammlung der Schaf- und Ziegenhalter zum Thema „Fruchtbarkeitsmanagement in Schaf- und Ziegenherden“.

Im Gasthaus „Zur Post“ in Kirschhausen referierte Henrik Wagner, Tierarzt und hessenweit bekannter Schaf- und Ziegenexperte der Universität Gießen, über die immer wieder auftretenden Nachwuchsprobleme bei den kleinen Paarhufern. Die Halter lassen Wagner zufolge in vielen Fällen einfach zu selten den Tierarzt kommen. So kommt es, dass viele Probleme nicht oder erst viel zu spät erkannt werden: „Die einen schieben es dann auf die Böcke, die anderen auf die Muttertiere – dabei müssen wir auf beide gucken“, so Wagner.

So würden sich viele Betriebe Zuchtböcke einkaufen, die sie vorher nur oberflächlich begutachtet hätten – eine eventuelle Unfruchtbarkeit sei aber von außen oft gar nicht zu sehen. Doch selbst das, so Wagner, wird manchmal noch vergessen: „Ich hatte einen Fall, wo ich die Studenten gebeten habe, die Geschlechtsteile eines Zuchtbocks zu untersuchen. Die haben nach wenigen Sekunden gesagt: Der hat ja gar keine Hoden“, so Wagner. Eine kurze Ultraschalluntersuchung könne dagegen auch innere Fehlbildungen schnell aufzeigen – „denn es gibt doch kaum ein schöneres Gewebe als Hoden“, so Wagner in dem für ihn typischen Humor.

Zu Problemen kann es aber natürlich auch bei den weiblichen Tieren kommen – etwa durch die gefürchtete Clamydien-Infektion, die zum Abstoßen der ungeborenen Lämmer führt. Auch hier sei Vorbeugung das beste Mittel – indem etwa regelmäßige Trächtigkeitsuntersuchungen bei den Tieren durchgeführt würden, die in größeren Herden nur etwa einen Euro pro Tier kosten. Außerdem soll man verstorbene Tiere zur Untersuchung einschicken – neuerdings würde der Transport der Kadaver sogar von der Tierseuchenkasse übernommen, auch wenn Schaf- und Ziegenhalter durch das Mindestgewicht von 20 Kilogramm benachteiligt würden. „Einfach Ziegelsteine mit ins Paket und gut zumachen“, so der Kommentar von Wagner.

Auf Interesse stießen bei den Haltern auch die Ausführungen von LLH-Referent Martin Steffens zu einer Frankreichreise 2019. In wenigen Bildern wurden hier die Unterschiede zu Deutschland deutlich: „In Frankreich hat die Schafhaltung noch einen ganz anderen Stellenwert“, so Steffens. So existieren hier noch Besamungsstationen für Schafe – in Deutschland sind sie seit Jahrzehnten abgebaut. Auch zu diesem Thema gibt es allerdings Neuigkeiten – denn wie Wagner berichtete, habe man in Gießen nun erstmals wieder die Möglichkeit geschaffen, Sperma einzukaufen und Schafe und Ziegen so künstlich zu befruchten.

Zweites Thema von Steffens waren neue, „smarte“ Geräte zur Weidezaunüberwachung: Per Whatsapp-Nachricht oder Funksignal warnen sie vor einer Störung des Elektrozauns. Dass der richtig funktioniert, wird dabei mehr und mehr zur Existenzfrage für Schäfer: Denn auch in Hessen kehrt der „neue alte Feind“ zurück – 2019 gab es demnach vor allem in Nordhessen Wolfsangriffe auf Schafe und Ziegen. Eventuell, so stand im Raum, bildet sich derzeit in Nordhessen sogar das erste hessische Wolfsrudel. So kam dann nach dem eigentlichen Abendprogramm die größte Sorge aller Schaf- und Ziegenhalter zur Sprache: Wirklich jeder im Saal, das wurde schnell deutlich, fürchtet sich vor Wolfsangriffen auf seine Tiere – und alle fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Am 15. Januar fand deshalb in Wiesbaden eine erste Demo statt, zu der auch Bergsträßer Schafhalter anreisten, jetzt kam es zu ersten Gesprächen zwischen Verbänden und dem Ministerium in Wiesbaden. Doch eine Einigung – also etwa geregelte Zahlungen an Schaf- und Ziegenhalter für den Wolfsschutz, etwa für Zäune oder Herdenschutzhunde – scheint noch lange nicht in Sicht zu sein. „Das ist ein sehr emotionales Thema“, sagt auch Peter Volk, der selbst 25 Schafe hält. Dass der Wolf auch an die Bergstraße kommen wird, und zwar bald, ist hier allen klar – und mit Kompensationen im Nachhinein, für nachweislich vom Wolf getötete Tiere, will sich hier keiner abfinden.

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