Kirche

Auch Brummen ist erlaubt

Das geistliche Wort: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“

Manchmal tragen Sonntage Namen, die uns zu etwas auffordern oder ermutigen wollen. Dieser Sonntag heißt im evangelischen Kirchenkalender „Kantate“, was dem Lateinischen entlehnt ist und einer Aufforderung gleichkommt: „Singt!“ „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ So beginnt der 98. Psalm, der dem Sonntag den Namen gab.

Das Singen, zu dem er uns ermuntert, ist an sich schon ein kleines Wunder, weil hier nicht nur die singen dürfen, die mit einer schönen Stimme gesegnet sind, die alle Töne treffen und jede Castingshow bestehen würden, sondern ausnahmslos alle dürfen und sollen mit einstimmen. Weil ihr Gesang nicht der Erbauung einer geneigten Zuhörerschaft dient, sondern Ausdruck der Freude ist über die Wunder, die Gott tut.

Das Neue an dem Lied, das wir aus Glaubensfreude singen, ist vielleicht nicht seine Melodie oder sein moderner Text, sondern die Erfahrung, Gottes Wunder erlebt zu haben und unserer Freude darüber Ausdruck zu geben. Wenn unsere Seele Flügel bekommt, dann möchte sie singen und schwingen. Wenn unserem Herzen Gutes widerfährt, behält es das nicht für sich, sondern lässt es nach außen dringen, Hände und Füße kommen in Bewegung und auch die Stimme wird neu geweckt.

Trost und Ermutigung

Auch eine alte Melodie oder ein vertrauter Text werden zu einem neuen Lied, wenn es Gottes Wunder wieder neu erschließt, wieder neu tröstet oder ermutigt, wieder neu Hoffnung und Glauben weckt.

So etwas durfte ich vor einiger Zeit an einem sorgenverhangenen Morgen erfahren. Ich hatte in der Nacht schlecht geschlafen, Ängste plagten mich. Nach dem Frühstück schlurfte ich müde mit dem Hund an der Leine auf unserem vertrauten Rundweg. Zuvor hatte ich noch in die Tageslosung geschaut, eher aus Gewohnheit denn mit der Erwartung, etwas Erbauliches zu lesen. Dann aber gingen mir die Worte nicht mehr aus dem Kopf. Sie begannen in mir zu flüstern, dann zu sprechen, schließlich zu singen. Weil niemand in Sicht war, fing ich an, die Melodie vor mich hin zu brummen. Meine Schritte wurden leichter, meine Stimme fester, schließlich sang ich laut vor mich hin. Als ich nach Hause kam, waren die Sorgen zwar nicht vergessen, aber sie waren kleiner geworden und die Hoffnung, mit Gottes Segen durch den Tag zu kommen, war gewachsen.

Beim Singen strecken wir uns aus und verschaffen uns etwas Luft, wachsen ein wenig über uns selbst und über alles Bedrückende hinaus. Wahrscheinlich hat Gott das so gewollt, als er uns die Gabe des Singens geschenkt hat. Und Gott achtet nicht darauf, ob wir jeden Ton treffen, sondern freut sich, wenn wir unsere Stimme zum Dank und zum Lob erheben.

* Der Autor Holger Mett ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Hofheim/Ried.

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