Kirche

Auf Golgatha Schutt abladen

Archivartikel

Das geistliche Wort

Vor wenigen Tagen begann die Passionszeit, die in der Osternacht enden wird. In diesen kommenden Wochen beschäftigen sich viele mit Tod und Auferstehung und ihrer persönlichen Gottesbeziehung. Im alttestamentlichen Psalm 71, Vers 23, spricht jemand darüber, was ein solches Nachdenken in einem Menschen auslösen kann: „Meine Lippen und meine Seele hast du erlöst, Gott!“

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen unserem inwendigen Menschen und dem, wie wir uns „äußern“: „Wessen das Herz voll ist, dem läuft der Mund über.“ In einem sehr emotionalen Augenblick des Glücks zum Beispiel. Oder im umgekehrten Fall: In einer schweren persönlichen Krise und Notlage, aber auch im betrunkenen Zustand, wenn alle Hemmungen wegfallen, spricht jemand plötzlich aus, was sonst ungesagt bliebe. Seele und Lippen gehören eigentlich zusammen.

Wie oft jedoch geschieht das Gegenteil. Besonders bei manchen Politikern und ihren berühmten „Sonntagsreden“ fällt uns das als heuchlerisch und unehrlich auf, und wir empören uns darüber.

Mitunter jedoch spüren wir alle, dass nicht nur andere, sondern wir selbst häufig zwiespältig und eben nicht authentisch und echt sind. Tief in uns drin haben auch wir dunkle Gedanken, die mit Verzweiflung, Angst und Ablehnung zu tun haben. Den anderen gegenüber markieren wir hingegen mehr oder weniger geschickt den coolen Mann und die sichere Frau. Und wir erkennen: Unser Inneres und das, was wir nach außen hin reden, sind oftmals schmerzhaft auseinander geraten.

Der Dichter vor 2600 Jahren drückt dies in seinem bewegenden Psalm aus: Als ich in engem Kontakt mit Gott war, da ist mir meine Gespaltenheit aufgefallen und gleichzeitig habe ich erlebt, wie sie aufgehoben wurde. Christinnen und Christen stellen sich in diesen Wochen Jesus am Kreuz vor und spüren, dass dort auch Platz ist für all das, was sie persönlich bewegt: „Da kann ich endlich aussprechen, was trennend und quälend meinen Alltag trübt und mich negativ beeinflusst. Wenn ich mir Christus auf Golgatha, dem Schuttabladeplatz (!) vor den Toren des antiken Jerusalems vorstelle, dann brauche ich nicht mehr schauspielern. Hier muss ich mich nicht mehr als souverän und überlegen inszenieren. Vor Christus darf ich loslassen und abladen was schwer ist und so sein, wie ich wirklich bin. Und gleichzeitig spüre ich, wie er sich mir zuwendet und mir sagt: „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du gehörst zu mir!“

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine gute und heilsame Passionszeit!

* Der Autor Reinald Engelbrecht ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Beedenkirchen.

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