Kirche

Bleibe neugierig

Das geistliche Wort

Wir waren unterwegs von Preston in Nordwestengland nach Wales. Leute aus meiner Gemeinde in Hirschhorn am Neckar. Da war ich damals Pfarrer. Und Leute der methodistischen Gemeinde in Penwortham, Preston. Das war unsere Partnergemeinde in England. Sie hatten diesen Ausflug organisiert. Sie wollten uns die schöne walisische Küste zeigen.

Die Busfahrt ging über mehrere Stunden. Unsere älteste Teilnehmerin Charlotte Krimmel war über 90 Jahre alt. Sie konnte in letzter Zeit nicht mehr so gut laufen. Aber sie wollte unbedingt mit in unsere Partnergemeinde, zu der so viele schöne Kontakte gewachsen waren über die Jahre. Unsere englischen Freunde hatten im Vorfeld einen Klapprollstuhl organisiert. Den holten sie bei jedem Halt aus dem Gepäckfach des Busses und falteten ihn auf. Charlotte war froh und dankbar, dass sie so überall mit hinkommen konnte.

Der Busfahrer fuhr sehr sicher und ruhig. Nach kurzer Zeit waren viele von uns schon eingeschlafen, denn in den letzten Tagen hatten wir viel Programm gehabt. Als ich mich im Bus umschaute, blieb mein Blick auf Charlotte hängen. Sie schien hellwach. Und ihre Augen sahen mir aus wie die eines jungen Menschen. Ich hatte den Eindruck, Charlotte wollte mit ihnen alles einsaugen, was noch möglich war.

Sie ist immer neugierig geblieben. Sie hat immer wieder neue Sachen ausprobiert. Und was für eine Freude war es sich mit ihr zu unterhalten!

Die Adventszeit ist eine gute Zeit, neugierig sein zu üben. Da kommt was auf uns zu. Irgendwas Tolles wird es hoffentlich sein, denken sich die Kinder, während sie ein Türchen nach dem anderen am Adventskalender öffnen und kurz vor Heiligabend versuchen, durchs Schlüsselloch ins Wohnzimmer zu lunzen. Irgendwas Helles, hoffen die Erwachsenen, während die Dunkelheit sich immer mehr vom Tag abbeißt.

Gott kommt. Aber er kommt ganz anders, als wir uns vielleicht denken. In einem kleinen Kind in einer armseligen Krippe.

…oder diesmal vielleicht in einem syrischen Flüchtling, den unsere Kinder im vergangenen Jahr eingeladen hatten, ohne uns zu fragen. Sie wollten nicht, dass er an Heiligabend alleine ist. Und er bringt seine Mundharmonika mit. Als er anfängt zu spielen, sind wir wie verzaubert. Plötzlich haben wir Tränen in den Augen. Da ist auf einmal ein Reichtum in unserer Hütte, der mit Worten nicht zu beschreiben und mit Geld nicht zu bezahlen ist.

… oder vielleicht kommt Gott diesmal in einer ….

Bleibe neugierig!

* Der Autor Tilman Pape ist Pfarrer für Ökumene und Mission im Evangelischen Dekanat Bergstraße.

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