Kirche

Demütig, nicht unterwürfig

Das geistliche Wort – Autor Reinald Engelbrecht mahnt: Je größer die Verantwortung, die jemand für seine Mitmenschen und die Natur übertragen bekommt, umso wichtiger ist seine Bodenhaftung.

Passt auf, dass ihr nicht arrogant und überheblich werdet! Arrogante Menschen werden bei Gott nichts erreichen. Demütigen Leuten hingegen wendet er sich zu“ (Wochenspruch, 1. Petrusbrief 5, 5)

Es war vor wenigen Wochen, als der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller öffentlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sich aufgrund zunehmender Kriminalität in mehreren Stadtteilen junge Frauen und Mädchen unsicher und gefährdet fühlen und nicht mehr allein durch die Straßen gehen wollen. Der Politiker erwiderte: „Es gibt Gegenden, in denen man sich zu später Stunde lieber ein Taxi nimmt als alleine zu Fuß unterwegs zu sein.“

Diese Haltung des Bürgermeisters den Menschen seiner Stadt gegenüber ist seither weit über Berlin hinaus Gesprächsstoff. Unwillkürlich denkt man dabei an die französische Königin Marie Antoinette. Als ihr 1789 zugetragen wurde, dass die Bürger in Paris aufgrund der hohen Getreidepreise hungern würden, soll sie gemeint haben: Wenn die Menschen sich kein Brot kaufen können, sollen sie doch Kuchen essen. Wenige Wochen später begann die Französische Revolution.

Im neutestamentlichen Petrusbrief werden denen, die hochmütig sind, die sogenannten Demütigen gegenüber gestellt. Der mittlerweile eher selten gebrauchte Begriff „Demut“ hat nichts damit zu tun, unterwürfig zu sein oder sich unkritisch selbst zu verleugnen. Ganz im Gegenteil: Es geht um Menschen die selbstbewusst und mit offenen Augen durch die Welt gehen. Weder überheben sie sich über andere, noch betrachten sie sich selbst geringer als die anderen. Diejenigen, die vertrauend und auf der Basis ihres Glaubens ihr Leben führen, verneigen sich vor Gott, weil er als Ursprung allen Lebens höher ist als ein Mensch je sein kann. Gerade diese demütige Haltung bewahrt sie davor, sich selbst und die eigene Wichtigkeit oder eine Ideologie an erste Stelle zu setzen. Wer sich vor dem Schöpfer beugt, der kann aufrecht vor den Menschen stehen und sich ihrer dann auch annehmen.

Je größer die Verantwortung, die jemand für seine Mitmenschen und die Natur übertragen bekommt, umso wichtiger ist seine oder ihre Bodenhaftung. Denn nur, wenn der Mensch einen Größeren über sich weiß, ist er wirklich glücklich zu nennen. Wenn er dagegen meint, selbst das Maß aller Dinge zu sein, wird er über Kurz oder Lang einen für alle schmerzhaften Fall erleben.

* Der Autor Reinald Engelbrecht ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Beedenkirchen.

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