Kirche

Den Klang der Hoffnung spüren

Archivartikel

Das geistliche Wort

Der 9. November 1989 hat sich bei uns im Westen Deutschlands als der Tag des Mauerfalls, der Maueröffnung, ins Gedächtnis eingeprägt. Die „Friedliche Revolution“, meist inhaltsleer als „Wende“ bezeichnet, hat aber ihre entscheidenden Stationen auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands in den Wochen davor. Es waren die Kirchen in der DDR, die maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatten. Sie boten den Schutzraum vor staatlicher Gewalt und ermutigten die Menschen zu friedlichem Protest.

Während sich in der Berliner Gethsemane-Kirche am Montag, 2. Oktober 1989, zur ersten Mahnwache für politische Gefangene und Fürbittandacht 30 Personen versammelten, waren es in Leipzig bereits 20 000 Teilnehmer, die nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche unter dem Motto „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ auf die Straße gingen.

In den folgenden Tagen wurde die Gethsemane-Kirche zum Symbol des gewaltfreien Widerstandes.

Ein großes Banner über dem Kircheneingang hängend gab die Losung vor: „Wachet und betet – Freiheit jetzt“, bezugnehmend auf das Wort aus dem Matthäus-Evangelium (Mt. 26,38 ff).

Die Macht der Kerzen

Der damalige Pfarrer Bernd Albini erinnert sich in bewegenden Worten bei einem Zeitzeugengespräch an die „Macht der Kerzen“: Brennende Kerzen und das gesungene „Donna nobis Pacem – Gib uns Frieden“ waren die Antworten auf Schlagstock und Hundestaffel“. Besonders am 7. Oktober 1989, dem Tag des 40-jährigen Bestehens der DDR, ging die Polizei brutal gegen die zirka 3000 Demonstranten rund um die Kirche vor, verhaftete über 500 Gebetsteilnehmer.

Ausschlaggebend dafür, dass gewaltloser Widerstand, Zivilcourage und bürgerschaftliches Engagement letztlich stärker waren als staatliche Willkür und Gewalt, war der 9. Oktober 1989.

Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche begaben sich mehr als 70 000 Menschen auf den Leipziger Innenstadtring. Sie riefen der bewaffneten Staatsmacht „Wir sind keine Rowdys – Wir sind das Volk“ entgegen. Angesichts der Menschenmassen und fehlender Befehle aus Berlin zog der SED-Bezirkschef Polizei und Kampftruppen zurück.

Ein damaliger Demonstrant sagte beim diesjährigen Friedensgebet: „Wir hatten alle eine Riesenangst damals. Aber als wir losliefen, da fiel die Angst ab. In diesem Moment hatte die DDR für mich verloren.“„Die Angst hatte die Seiten gewechselt“, kommentierte treffend ein anderer Teilnehmer.

Die Diktatur der SED sei durch Bürgermut und friedliche Aktionen zum Einsturz gebracht worden. Deshalb bleibe auch 30 Jahre später Grund zu großem Dank. „An wie vielen Tagen sind Kränze niederzulegen? Heute ist ein Tag der Freude“, sagte Superintendent Martin Henker in seiner Predigt zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution in der Leipziger Nikolaikirche. Erstmals war beim Friedensgebet unter dem Titel „Den Klang der Hoffnung spüren“ wieder das komplette Geläut der Nikolaikirche mit der neuen Festtagsglocke Osanna zu hören.

20 Töne

„Beim Anschlag einer Glocke werden gleichzeitig bis zu 20 Töne hörbar – und dennoch ist es ein Klang“. Es gelte den Klang der Hoffnung in seiner Verschiedenheit zu spüren. „Angst, Lügen und Hass werden nicht das letzte Wort haben“, sagte Henker zum Abschluss der Feierstunde.

Anschließend an das Friedensgebet begaben sich 75 000 Menschen auf den Weg zum großen Lichtfest, wo auch den Opfern des Anschlags auf die Synagoge im 35 Kilometer entfernten Halle vom selben Tag gedacht wurde.

* Der Autor Manfred Forell war Katholischer Religionslehrer und Beauftragter für Schulpastoral an der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim und ist Freier Berater beim Demokratiezentrum Hessen, Regionalstelle Süd, im Haus am Maiberg in Heppenheim.

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