Kirche

Die besondere Perspektive

Pastoralreferent i.R. Hans-Peter Kohl erinnert sich an den bewegenden Moment der Mondfinsternis im Sommer zurück.

Noch lange werde ich mich an den Nachthimmel am 27. Juli dieses Jahres erinnern. Mit vielen Menschen erlebte ich die totale Mondfinsternis, die längste im 21. Jahrhundert. Die kosmische Konstellation ist leicht erklärt: eine Mondfinsternis tritt bei Vollmond auf, wenn sich die Erde genau zwischen Sonne und Mond befindet.

Die Besonderheit bei einer totalen Mondfinsternis ist, dass der Mond hierbei vollkommen in den Kernschatten der Erde taucht. Der Mond erscheint dabei in einem dunkelroten Licht. Die Farbe entsteht durch das Sonnenlicht, das durch die Erdatmosphäre hindurch auf den Mond fällt.

Bei klarem Nachthimmel konnten die vielen Himmelsbeobachter neben dem blutroten Mond noch weitere Planeten wie den Mars und den Saturn ausfindig machen. Selbst die Laufbahn der internationalen Raumstation war am Himmel zu beobachten. Doch der Höhepunkt sollte erst noch folgen, als der Mond aus dem Erdschatten wanderte und das Licht wieder zunahm.

Dieses kraftvolle Aufscheinen des Lichtes am dunklen Nachhimmel beeindruckte mich besonders und war mit dem Fernglas bestens zu sehen. Mich erfasste eine tiefe Faszination, ja Ehrfurcht vor diesem überwältigenden Ereignis. Ich spürte in diesem Moment, es gibt Dinge, die weit über uns hinausgehen, die uns ergreifen und bewegen. Den Mond, gefühlt schon tausendfach gesehen, sah ich an diesem Abend mit neuen Augen. Vielleicht braucht es immer wieder solche faszinierenden Momente, um zu begreifen, dass wir in ein großes, einmaliges Ganzes eingebunden sind.

Atemberaubende Schönheit

Unser Weltraumfahrer Alexander Gerst, der in diesen Tagen mit der internationalen Raumfähre den Planeten umkreist, spricht von der atemberaubenden Schönheit unserer Erde bei ihrer Laufbahn durch das dunkle Weltall. Gleichzeitig weist er aus seiner besonderen Sichtposition auf die Gefährdung der Erde hin. Die Menschen in ihrem maßlosen Handeln haben dem Planeten schon unübersehbare Wunden zugefügt, und er mahnt verantwortungsvolles Handeln an.

Der große Theologe, Arzt und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer (1875-1965) spricht von der Ehrfurcht vor dem Leben, ohne das ein verantwortliches Handeln nicht möglich ist: Ehrfurcht vor der Natur, Ehrfurcht vor den Lebewesen, Ehrfurcht vor jedem Menschen. Der Mond als unser Nachbarplanet ist ja ganz eng mit dem Leben auf der Erde verbunden. Ohne ihn gäbe es zum Beispiel keine Gezeiten, keine Zeitrechnung. Darüber hinaus hält er quasi durch seine Anziehungskraft unsere Erde in stabiler Lage, im Gleichgewicht. Ohne ihn wäre Leben auf unserer Erde kaum möglich.

Es überrascht deshalb nicht, dass er in der Symbolsprache des Glaubens und der christlichen Kunst eine bedeutende Rolle spielt. So wird Maria mit dem Jesuskind häufig auf einer Mondsichel dargestellt. Maria hat das göttliche Licht empfangen und Jesus, den Sohn Gottes, geboren. Die Geburt an Weihnachten wird daher auf die Wintersonnenwende datiert, wo das Licht wieder zunimmt und die Tage länger werden.

Das Fest der Auferstehung Jesu an Ostern feiern die Christen am Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond. Die Datierung dieser zentralen Feste ist kein Zufall. Für die Christen ist Jesus das Licht der Welt. Er hat die Dunkelheit des Todes besiegt. Lassen wir uns von diesem Licht inspirieren!

Der Autor Hans-Peter Kohl ist Pastoralreferent i.R. in Bensheim

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