Kirche

Einander anschauen

Archivartikel

Das geistliche Wort: Pfarrer i.R. Hermann-Josef Herd mit Gedanken zur Urlaubs- und Ferienzeit.

Urlaubszeit, Reisezeit, Ferienzeit! Endlich Zeit für Begegnungen, Besuche, Wanderungen, Ausflüge, Fest und Feier! Was machen wir mit der freien Zeit? Füllen wir sie wieder mit einer Vielzahl von Verpflichtungen, Events und Terminen an? Oft klagen wir ja, dass die Zeit so schnell vergeht. Hängt es nicht damit zusammen, dass wir zu viel in sie reinpacken?

In diesen Tagen durfte ich eine ganze Weile mit Freude eine junge Mutter beobachten, wie zärtlich sie mit ihrem Baby umgeht, wie lange und liebevoll sie es anschaut, mit ihm spricht, es anlacht, bis es dann zurücklächelt. Ich habe miterlebt, wie viel Zeit sie mit ihrem Kind verbringt, es auf den Armen trägt und natürlich seinen Hunger stillt. Ja, wenn ein Kind da ist, gehen die Uhren anders für die Eltern.

Aber ist das nicht alles Zeitverschwendung, so ein Kind immer wieder anzuschauen? Könnte man da nicht viel wichtigere und nützlichere Dinge tun und erledigen? Ich denke, es gibt nichts Wichtigeres für ein kleines Menschenkind, als immer wieder angeschaut zu werden und zu spüren, dass es willkommen und geliebt ist, dass es von Anfang an Ansehen hat.

Es gibt nichts Wichtigeres zu seiner und unserer „Menschwerdung“. Weil mich jemand ansieht, erhalte ich Ansehen. Menschen des Glaubens dürfen damit rechnen, dass Gott sie ansieht, ja, dass er alle Menschen liebevoll anschaut und ihnen Ansehen verleiht. Das ist Gottes Zeitverschwendung, nein: Zeitverschenkung.

Der französische Pfarrer Jean-Baptiste Marie Vianney, besser bekannt als Pfarrer von Ars, der am 4. August 1859 gestorben ist, erzählte einst ein beeindruckendes Erlebnis. In der kleinen Pfarrkirche in Ars/ Südfrankreich sah er mehrere Tage einen Bauer, der ganz konzentriert auf den Altar, das Kreuz und den Tabernakel schaute. Kein Gebetbuch, keinen Rosenkranz in der Hand. Auf die Frage des Pfarrers, was er denn gerade tue, antwortete der Mann nur: „Ich schaue ihn an, und er schaut mich an.“

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem Urlaub oder auch zu Hause viel Zeit verschenken und verbringen, indem Sie Ihre Lieben, Ihre Gäste oder auch andere Menschen anschauen und miteinander in guten Kontakt kommen.

Ich wünsche Ihnen auch viele Gelegenheiten, IHN anzuschauen und sich von IHM anschauen zu lassen. Dann mag das bekannte Segenswort in Erfüllung gehen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Er wende dir sein Antlitz zu und schenke dir seinen Frieden.“

Hermann-Josef Herd

Katholischer Pfarrer i.R.

Bensheim

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