Kirche

Einer trage des anderen Last

Geistliches Wort: Pfarrer Hans-Joachim Greifenstein macht sich Gedanken über Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Ach, ich bin doch zu nichts mehr nutze.“ – „Ich will niemand zur Last fallen.“ Solche Sätze höre ich immer wieder bei Haus- oder Krankenbesuchen. Älter werdende oder kranke Menschen haben nicht nur mit dem Verlust von Lebensmöglichkeiten, sondern auch mit einem abnehmenden Selbstwertgefühl zu tun. Klar: Wenn Jugend, Gesundheit und Stärke die Fixpunkte der gesellschaftlichen Leitkultur sind, dann haben Alte, Kranke und Schwache schlechte Karten.

Hilfsbedürftig sein bedeutet, abhängig von anderen zu werden. Da leidet unser Stolz und es wächst die Angst: Was werden die anderen mit mir machen? Wir fürchten uns davor, auf Barmherzigkeit angewiesen zu sein. Wir wollen im Krankenhaus lieber der sein, der am Bett sitzt, als der, der im Bett liegt. Wer die Fernbedienung nicht in der Hand hat, muss das Programm anschauen, das jemand anderes ausgesucht hat. Kontrollverlust heißt Machtverlust. Und davor fürchten wir uns und tun so ziemlich alles Mögliche, das uns einfällt, um das zu vermeiden.

Nur: Alt werden wir irgendwann trotzdem (außer wir sterben vorher, aber wer will das schon?). Es ist eine unumstößliche Tatsache: Am Anfang und am Ende unseres Lebens sind wir auf die Hilfe anderer angewiesen. Zwischendrin natürlich auch, aber durch unsere Eigenaktivität bilden wir uns ein, dass nicht bemerken zu müssen. Auf der Höhe unserer Kraft glauben wir oft wirklich, wir seien unsere eigenen Herren und bräuchten niemand anderes.

Bis, sagen wir mal: der Strom ausfällt. Dann sind wir irritiert und stellen fest, dass wir in einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft leben, in der andere Leute für uns im Dienst sind. Jeder Wasserhahn zeigt uns, wie abhängig wir von der zwar unsichtbaren, aber zuverlässigen Arbeit anderer sind. Unser Leben wird getragen von einem höchst kompliziert gewebten Netz von Dienstleistungen, Konventionen und Verträgen. Man nennt das Zivilisation und die funktioniert nur, wenn möglichst viele möglichst gut mitmachen. Und: das uns auch trägt, wenn wir eine Phase der Schwäche durchleben.

Wir können das auch ohne schlechtes Gewissen tun, wenn die Zivilisation, in der wir leben, ein menschliches Antlitz trägt. Das wiederum hängt von der dominierenden Weltanschauung ab. Im Nationalsozialismus etwa wurden behinderte Menschen ermordet, weil sie als „lebensunwertes Leben“ ausgegrenzt worden sind. Im Christentum dagegen heißt es: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galaterbrief 6,2).

Das ist nicht nur der Wochenspruch für die neue Woche in unseren evangelischen Gemeinden, sondern war auch der Trauspruch meiner Eltern. Und ich kann sagen: Bei den beiden hat er super funktioniert. Meine Eltern waren im Lauf ihres Lebens immer mal beides: stark und schwach, aktiv und hilfsbedürftig. Und immer, wenn’s drauf ankam, war „sein Gesell“ (Luther) da und hat die Hand ausgestreckt.

Das war bei uns zu Hause unausgesprochene Alltagsreligion: Solidarität. Das hat es uns Kindern leicht gemacht, Vertrauen in ein humanes, christliches Weltbild zu entwickeln. In ihm geht es nicht um Nützlichkeit, sondern um Liebe. Und die ist ja bekanntlich das Größte, denn sie hält unter anderem auch Schwäche aus. „Geliebt wirst du einzig da“, hat der Philosoph Adorno einmal gesagt, „wo du schwach sein kannst, ohne Stärke zu provozieren“.

Ich wünsche Ihnen einen schönen, nicht unbedingt nützlichen, aber vor allem liebevollen Sonntag!

* Hans-Joachim Greifenstein ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Bensheim-Schwanheim.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel