Kirche

Hätte ich Jesus erkannt?

Das geistliche Wort – das würde sich Autor Michael Ohlemüller auch wünschen: Jesus als den Auferstandenen zu erleben!

Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte“ (Lukas 24, 36)

Das würde ich mir auch wünschen: So, wie die Jünger Jesu in der Osterzeit vor 2000 Jahren, Jesus als den Auferstandenen zu erleben!

Aber: Würde ich ihn überhaupt erkennen? Und: Kann ich eigentlich immer glauben, was ich sehe? Was ist „Wirklichkeit“? Diese Frage ist nur auf den ersten Blick einfach zu beantworten.

„Scio nescio“ (Ich weiß, dass ich nichts weiß) – ein seit der Antike geflügeltes Wort. Oder der bekannte Satz, den Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs zum „Kleinen Prinzen“ sagen lässt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Das entspricht nicht nur unserer Lebenserfahrung, sondern auch dem, was uns die Physik über die „Wirklichkeit“ sagt. Das, was wir überhaupt beobachten und „erkennen“ können, sind nur 4,9 Prozent dessen, was wir physikalisch von „Wirklichkeit“ wissen: In den anerkannten Modellen besteht unser Universum zu 68,3 Prozent aus Dunkler Energie, 26,8 Prozent aus Dunkler Materie und nur zu 4,9 Prozent aus der sichtbaren Materie.

Und von diesen 4,9 Prozent können wir Menschen wiederum nur einen kleinen Bruchteil mit unseren Sinnen wahrnehmen. Philosophie, Literatur und Physik führen alle zur gleichen Erkenntnis: Dass wir nämlich nur ahnen können, was „wirklich“ ist. Und es lässt mich demütig werden in Bezug auf das, was ich „weiß“. Alles, was in meinem Leben wirklich relevant ist, muss ich sowieso glauben (ist gleich „vertrauen auf“ / ist ungleich „vermuten“!):

Dass ich etwas wert bin; dass es Menschen gibt, die mich lieben; dass mein Leben einen Sinn hat…

Insofern ist der Glaube an den Auferstandenen nicht so weit weg von unserem alltäglichen Lebensvollzug, wie es manchmal den Anschein hat. Wir können immer nur einen Teil der Wirklichkeit sehen und könnten ohne Glauben im Sinn von Vertrauen überhaupt nicht leben.

Real, aber doch anders

Dass die Begegnungen mit dem Auferstandenen real, aber doch auch anders waren, wird in den Evangelien deutlich. Immer, wenn die Jünger Jesus erkennen, ist er wieder weg: „Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr“ (Lk 24,31).

Was ich mich jetzt frage: Wenn ich vor 2000 Jahren gelebt hätte und Jesus mir erschienen wäre – hätte ich ihn dann überhaupt erkannt? So sicher bin ich mir da nicht mehr. Und: würde ich ihn erkennen, wenn er mir heute begegnet?

* Der Autor Michael Ohlemüller ist katholischer Betriebsseelsorger.

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