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In Würde altern

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Das geistliche Wort

Fußball spielt in meinem heutigen Alltag eine – zugegebenermaßen – untergeordnete Rolle. Anders war das, als ich in den Siebzigerjahren zur Schule ging: Königsblau war meine Farbe, die Tore der Kremers-Zwillinge, das Passspiel von Rüdiger Abramczik und die Stürmertore von Klaus Fischer, besonders die Fallrückzieher, begeisterten mich. Ich war Schalke-Fan – trotz des Bundesliga-Skandals, in den die Mannschaft damals heftig verwickelt war.

An meine Schalke-Fan-Zeit wurde ich jetzt wieder erinnert, als im Lauf der Woche der Tod des einstigen Vereinsmanagers Rudi Assauer bekannt wurde. Er war Macher und Macho. Seine Beziehung und die Trennung von der Schauspielerin Sophia Thomalla wurden öffentlich zelebriert. Die Zigarre war sein Markenzeichen. Seine Sprüche waren Kult. Den Einzug der Psychologie in den Fußball kommentierte er beispielsweise mit der Bemerkung: „Das Wort ,mental’ gab es zu meiner Zeit als Spieler gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß.“ Ausgerechnet dieser so erfolgreiche und offensiv auftretende Mann, der durch nichts zu erschüttern schien, ist ein prominentes Beispiel für das Schicksal so vieler Alzheimer-Patienten geworden.

2006 musste er als bis dahin erfolgreichster Manager des Vereins zurücktreten. 2012 machte er seine Krankheit in einer Autobiographie öffentlich. Der Titel „Wie ausgewechselt. Verblassende Erinnerungen an mein Leben“ beschreibt ganz gut, was Alzheimer für die Betroffenen bedeutet: Plötzlich wie aus dem Spiel herausgenommen zu sein, ein anderer Mensch zu werden, sich selbst nach und nach zu verlieren. Die Erinnerungen verblassen und plötzlich ist „die Platte leer“, wie Assauer seinen Zustand selbst beschrieb, als er es noch konnte. Menschen mit Alzheimer vergessen Vergangenes, können den Alltag nicht mehr alleine bewältigen und fallen durch für Außenstehende seltsam wirkendes Verhalten auf. Manche wirken wie Kinder. Man schaut in ängstlich-suchende Augen. Gut, wenn dann andere Menschen da sind, die versuchen, Verständnis aufzubringen – und die an der Würde des oder der Erkrankten festhalten.

Denn das soll allen bleiben, die im Alter nicht mehr diejenigen sein können, die sie einst waren – die Würde, die ihnen zukommt, weil sie, wie alle Menschen, Gottes Ebenbild sind. Der Beter von Psalm 71 hat den Wunsch, auch im Alter würdig behandelt zu werden, in einer eindrücklichen Bitte so formuliert: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.“

* Der Autor Frank Sticksel ist Pfarrer der Evangelischen Heiig-Geist-Kirchengemeinde in Heppenheim.

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