Kirche

Nächstenliebe ohne Glaube?

Archivartikel

Das geistliche Wort

Wer seinen Nächsten oder seine Nächste liebt, der ist aufmerksam und bereit für Nähe. Nächstenliebe heißt: Wahrnehmen und mich einlassen, anderen Gutes wünschen und Gutes tun. Eine Haltung, die Menschen öffnet, aufschließt. Achtsamkeit schwingt darin mit und auch der gesunde Menschenverstand, der erkennt, was nottut.

Nächstenliebe gilt zunächst einmal der und dem Nächsten. In Wirklichkeit aber geht es ja gar nicht nur um den Nächsten, um die Partnerin, die Kinder, um Vater und Mutter, um Freunde. Es geht natürlich auch um den mir zunächst fernen Menschen und darum, dass ich ihn mir nahekommen lasse, ihn zum Nächsten werden lasse, den Fremden.

Großartige Begegnungen geschehen in diesen Tagen, im Rahmen der interkulturellen Woche, die an vielen Orten stattfindet oder auch bei Kundgebungen gegen Rassismus und Intoleranz, für ein friedliches Miteinander.

Selbst den Feind zu lieben, sagt Jesus, das ist Nächstenliebe. Braucht es dazu den Glauben? Viele Menschen sind nicht im herkömmlichen Sinne gläubig und leben doch in vorbildlicher Weise menschlich und achtsam anderen Menschen gegenüber. Und sicher lässt der Glaube mancher Gläubigen nichts zu wünschen übrig – außer der Liebe. Ist nicht die Geschichte des Christentums sowohl eine Geschichte der Liebe als auch der Lieblosigkeit? Menschen in vielen Religionen berufen sich bei ihrer Gewalttätigkeit ausdrücklich auf den Glauben.

Ob Nächstenliebe auch Glauben braucht, weiß ich nicht so genau. Aber vielleicht ändert der Glaube etwas an unserer Haltung, an der Sicht auf den Menschen. Vielleicht lässt uns der Glaube erahnen, dass in jedem Menschen etwas Göttliches steckt. Das kann uns in diesen Zeiten eigentlich nur gut tun.

* Der Autor Martin Fraune ist Leiter des Caritaszentrums Heppenheim.

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