Kirche

So sein dürfen, wie ich bin

Archivartikel

Das geistliche Wort

Jetzt haben sie wieder Hochkonjunktur, die Masken und Verkleidungen. Ob Pirat oder Prinzessin, Casanova oder Polizist – an Fastnacht ist (fast) alles möglich und erlaubt. Das, was bei jüngeren Kindern Alltag ist – das Spielen „ich wäre jetzt mal…“ –, für uns „Erwachsene“ ist die tolle Zeit die Einladung, im Spielen des Anderen, im (scheinbaren) Tragen von Rollen und Masken Seiten von uns zu leben, die sonst im Alltag zu kurz kommen.

Ist das nicht die eigentliche Sehnsucht hinter aller Fastnachtsfreude und allem Helau: So sein dürfen, wie ich bin? Verrückt und völlig daneben, laut und schrill oder auch einfach mal ganz leise und zart?

Am Aschermittwoch ist dann wieder alles vorbei – oder fängt erst wirklich an. Denn nach den tollen Tagen lädt uns die Fastenzeit ein, dem Wesentlichen in uns, dem, wie wir wirklich sind, auf der Spur zu bleiben und uns von den Rollen und Masken, die uns von uns selbst, von unseren Mitmenschen und Gott trennen, Stück für Stück und immer mehr zu lösen. Da geht es eigentlich nicht ums Verzichten und Weniger (es sei denn von dem, was uns am Leben hindert), sondern um ein Mehr an Leben und Echtheit. Der Frage treu zu bleiben, wer ich eigentlich wirklich bin und was mich wirklich erfüllt und „satt macht“.

Carl Rogers, Entdecker und Gründer der personenzentrierten Psychotherapie, nennt die Echtheit oder Authentizität als einen der drei Faktoren, die für hilfreiche und heilsame Beziehungen notwendig, aber auch hinreichend sind. Wenn es uns gelingt, so zu sein, wie wir sind (und nicht so, wie wir und die anderen, der Arbeitgeber oder „die“ Gesellschaft uns gerne hätten), dann tut dies nicht nur uns, sondern auch Anderen gut!

Fastnacht kann dazu eine Trainingszeit sein – wenn wir nicht nur die Verrücktheit und den Spaß, sondern unsere innere Sehnsucht im Blick haben und einfach mal so sind, wie wir sind. Und damit sollten wir am Aschermittwoch nicht aufhören.

Die Einladung der Fastenzeit danach ist, auch im Alltag, so zu sein, wie wir sind – auf die eine oder andere Angepasstheit, auf die eine oder andere Rolle und Maske zu verzichten und den Mut zu haben, zu spüren, was uns wirklich bewegt und freut und ärgert und so sein lässt, wie wir sind. Dann wird aus dem dreifach donnernden Helau der Fastnacht ein dreifach frohes Halleluja an Ostern – weil wir so sein dürfen, wie wir sind!

* Der Autor Dr. theol. Dipl. Psych. Bernhard Deister ist als Pastoralreferent Krankenhausseelsorger am Kreiskrankenhaus Bergstraße und Referent für Geistliche Begleitung im Bistum Mainz.

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