Kirche

Suchet der Stadt Bestes

Archivartikel

Das geistliche Wort

Was der Prophet Jeremia über die Stadt gesagt hat, gilt auch für Europa. Welchen Beitrag können Christen und die Kirchen für Europa leisten? Der wichtigste Beitrag dürfte die Feier des Gottesdienstes sein. Überall, wo Gottesdienst gefeiert wird, wird der Mensch an seine Endlichkeit erinnert und an seine Verantwortung vor Gott. Ein Gemeinwesen lebt davon, dass Politiker ihre Macht nicht ausnutzen. In einer Zeit ausufernder Verwaltungen und immer größerer staatlicher Kontrollen ist solche Erinnerung hilfreich und nötig.

Teil jedes Gottesdienstes ist die Fürbitte. Im Gebet werden die Nöte und Anliegen der Welt vor Gott gebracht. Die Welt wird für Gott geöffnet. Es wird dankbar an das Gute erinnert, das getan ist, und an die Fehler und Irrtümer, deren Folgen oft lang und schmerzvoll spürbar sind. Die Fürbitte sensibilisiert für die Aufgaben der Gegenwart und bewahrt vor Gleichgültigkeit. Ein weiterer Beitrag ist die Seelsorge. Das ist nicht nur ein Auftrag für besonders ausgebildete Spezialisten, sondern für Jede und Jeden. Seelsorge weiß zwischen Person und Tat zu unterscheiden. Sie weiß den Menschen in der Politik als Menschen wahrzunehmen. Erst wenn ein Politiker als Mensch vor Gott in den Blick gekommen ist, kann er auch in seinem Amt als Handelnder wahrgenommen werden.

Der christliche Glaube lädt zur Versöhnung ein. Das gibt ihm die Freiheit, offen und ehrlich über Schuld zu sprechen. Es gibt ein tiefes Bedürfnis in jedem Menschen und in jeder Gesellschaft, Schuld zu verdrängen. Auf vielfältige Weise ist das politische Leben mit Schuldfragen konfrontiert, die sich nicht allein juristisch verhandeln lassen. Es ist ein unersetzlicher Beitrag der Kirchen Vergebung im Namen Jesu Christi zu verkündigen. Unverzichtbar ist es auch für Christen, Nächstenliebe zu üben. In Tausenden von kirchlichen und caritativen Einrichtungen wird das praktiziert und jeder Christ soll seinen persönlichen Beitrag leisten. Ohne diese vielfältigen Hilfen wäre es um das soziale Leben und das tägliche Miteinander in der EU sehr viel schlechter bestellt.

Zu Recht hat der frühere Bundespräsident Gauck einmal festgestellt: „Die heutige Gestalt unseres Gemeinwesens ist ohne die christlichen Kirchen nicht denkbar.“ Es darf schließlich daran erinnert werden, dass auch die heutige Gestalt Europas ohne die Kirchen nicht möglich gewesen wäre. Der polnische Papst und die evangelischen Kirche in der DDR haben wesentlich zum Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs beigetragen. BA-Archivbild: Funck

* Der Autor Christoph Bergner ist Pfarrer in der Evangelischen Michaelsgemeinde Bensheim.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel