Kirche

Vertrauen als Chance

Das geistliche Wort

Was für ein Vertrauen“ ist das Leitwort des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dortmund (19.-23. Juni 2019). 100 000 Menschen werden erwar-tet. Auch das Evangelische Dekanat Bergstraße beteiligt sich.

Menschen vertrauen. Vertrauen ist „normal“. Vertrauen ist etwas, das uns Menschen ausmacht. Vertrauen gehört so selbstverständlich zum Wesen des Menschen, dass wir gar nicht darüber nachdenken: Wir vertrauen, dass die Erde unter uns nicht wankt. Ein Kind, das gefallen ist, läuft weinend aber vertrauensvoll in die Arme der Mutter, die tröstet: „Ich bin da.“ („Ich bin da“ ist übrigens die Übersetzung des hebräischen Gottesnamens. Gott heißt: „Ich bin da.“) Der bekannteste Psalm, Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte…“ ist ein Vertrauenspsalm. Menschen vertrauen. Menschen vertrauen sich in der Ehe an. Vertrauen prägt unser Leben.

Aber: Vertrauen ist immer auch ein Wagnis. Und Vertrauen ist speziell dann gefragt, wenn ich mir selbst nicht ganz sicher bin. Denn Vertrauen kann missbraucht werden. Von anderen. Und von mir.

Das Kirchentagsmotto „Was für ein Vertrauen“ ist vor zwei Jahren von einem Komitee gewählt worden, nichtahnend, dass es in unserem Land einen weit verbreiteten Vertrauensverlust geben wird: Namhafte Autohersteller verwendeten eine Schummelsoftware, Banken wurden mit Milliardenstrafen belegt. Nicht nur, aber besonders unsere katholische Schwesterkirche leidet unter dem Missbrauch von Vertrauen. Beide Volkskirchen leiden unter Vertrauens- und deswegen auch an Mitgliederverlust. Ebenso die Gewerkschaften, ebenso die Volksparteien: Durch die Flüchtlingskrise ist die AfD in die Parlamente gekommen. Die von Menschen gemachte Klimakrise stärkt die Grünen so, dass sie zu einer neuen Volkspartei werden können.

All das sind Zeichen dafür, dass Menschen erschüttert sind, dass ihr Vertrauen in die Zukunft zerbrechlich geworden ist. Bisherige Gewissheiten bröckeln. Wir sind unsicher, wem wir in unserer Gesellschaft vertrauen können.

Und wir sind unsicher, ob Gott uns noch vertraut. Uns zutraut, gut mit der uns anvertrauten Schöpfung umzugehen, die wir bebauen und bewahren sollten, und die Welt zu gestalten.

„Was für ein Vertrauen“ ist eine Losung, die Zuversicht und Ermutigung gibt und gleichzeitig Fragen und Zweifel nicht ausspart.

Im Vertrauen darauf, dass wir Gott in allem vertrauen können, wollen wir im Privaten wie im Gesellschaftlichen anschauen, was uns erschüttert, anklagen, wo Vertrauen und Menschenwürde missachtet werden. Scheitern kann betrauert, aber auch dem Gelingen des Guten getraut werden.

„Was für ein Vertrauen!“ ist einem gläubigen König Hiskia gesagt worden, dessen Volk mit großen gesellschaftlichen Umbrüchen zu kämpfen hatte. Er hat damals wie wir auch heute immer wieder den festen Grund gesucht, der uns trägt. Auch wir vertrauen. Wir trauen uns zu hoffen, erleben in der großen Gemeinschaft unserer Kirche, wie Vertrauen eine Kraft ist, die aktiviert. Die Schwestern dieses Gottvertrauens sind Mut, Klarheit, und bei aller Differenz trotzdem eine Zugewandtheit zu unserem Gegenüber.

Bei der Reform bzw. Umbrüchen, vor die unsere Gesellschaft steht, ist es gut, die gravierenden und nachhaltigen Folgen im Vorfeld klar zu benennen und so möglichst viele mitzunehmen. Und nicht nur ein eigenes Schuldbekenntnis ist vonnöten, sondern auch die Umkehr, die Änderung der Lebenseinstellung.

Vor seiner Himmelfahrt hat Jesus seinen Jüngern seinen Geist gelassen. Mit diesem Geist hat uns Gott uns selbst, unsere Mitmenschen und die Schöpfung anvertraut. Was für ein Vertrauen!

Die Losung „Was für ein Vertrauen“ ist eine Chance, der Vertrauenskrise in Politik, Kirche und Gesellschaft zu begegnen. Kirchentagspräsident Hans Leyendecker meint: „Wir wissen aber, dass Vertrauen nicht befohlen oder angeordnet werden kann. Nur wer bereit ist, anderen zu vertrauen, kann auch Vertrauen bekommen. Die Losung ist also bestens geeignet, um darüber zu reden, in welcher Welt wir leben wollen und in welcher Welt nicht.“

Mögen wir aus diesem Vertrauen unser Leben verantwortlich gestalten. Bild: privat

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