Kirche

Weil Gott Mensch wurde

Das geistliche Wort

Wir wissen, dass Europa vor 100 Jahren drei Schocks zu verkraften hatte. Der erste lag schon einige Jahre zurück, als in einer kalten Aprilnacht des Jahres 1912 der Inbegriff menschlicher Ingenieurskunst und das Symbol westlicher Vorherrschaft, die unsinkbare Titanic, innerhalb weniger Stunden mit über 1000 Menschen im Ozean versank.

Ein weiterer Schreck für die damalige Gesellschaft war das, was Sigmund Freud über die menschliche Psyche und speziell ihre mitunter tiefen Abgründe herausfand. Er erkannte: Die menschliche Vernunft ist eben nicht Herr im eigenen Haus.

Und der dritte und schwerste Schock, den Europa 1918 zu verkraften hatte, war die Tatsache, dass es über vier Jahre und 14 Millionen totgeschossene junge Männer brauchte, bis die hohen Generale und Politiker der kriegführenden Staaten endlich begriffen, dass mit moderner Waffentechnik ein Stellungskrieg nicht mehr zu gewinnen ist. Ob unsere Vorfahren vor vier Generationen bei ihrem Erschrecken auch Psalm 130, Vers 4, vor Augen hatten? „Zum Glück vergibst du und nimmst unsere Schuld weg, damit wir deine Größe sehen, mit Respekt.“

Das Anerkennen der menschlichen Grenzen und die Ehrfurcht vor dem Größeren war damals und ist noch weit deutlicher heute das, was verändern kann. Gerade unsere momentanen brisanten weltweiten Themen sind ja viel enger miteinander verknüpft als je zuvor. Angefangen beim ungedeckten und dadurch wuchernden Geldsystem, das permanentes, unendliches Wachstum einfordert. Dabei wissen wir alle: Die Natur, ihre Ressourcen und unser gesamter Planet sind endlich. Das derzeitige Dollar-basierte Geldsystem zwingt jedoch dazu, die Erde auszurauben, Feindbilder zu pflegen und Kriege zu führen weil ein Tag Krieg profitabler ist als 100 Tage Frieden. Immer mehr Menschen spüren: Eine Begrenzung ist dringend notwendig. Ein Sich-Einfinden in die natürlichen – von Gott gesetzten – Grenzen. Wir Christen betonen in diesem weltweiten Erkenntnisprozess:

Gerade weil Gott in unseren Dimensionen menschlich wurde, ist es nicht mehr nötig, dass der Mensch sich über sich selbst erhebt. Gerade weil wir es in Christus mit dem – im wahrsten Sinne des Wortes – „heruntergekommenen Gott“ zu tun haben, kann sich der Mensch zufriedengeben und muss sich nicht über das hinwegsetzen, was natürlich und für alles Leben nützlich ist. Denn nur wenn er einen Größeren über sich weiß, ist er wirklich glücklich zu nennen.

* Der Autor Reinald Engelbrecht ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Beedenkirchen.

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