Kirche

Wir alle sind das Volk

Archivartikel

Das geistliche Wort – Dominik Kanka erinnert daran, was das Gebot der Nächstenliebe wirklich meint: Sprache oder Hautfarbe spielen keine Rolle.

Hätte Jesus ein Patent auf das Gebot der Nächstenliebe angemeldet, hätte das Patentamt wohl so reagiert: „Geht nicht, gibt’s schon“ Aber es bleibt beim hätte. Erstens gab es kein Patentamt, zweitens kannte Jesus selber die Nächstenliebe schon – als ein Gebot aus der Heiligen Schrift, der jüdischen Thora. In einem Gespräch mit einem Gesetzeslehrer (Markus 12, 28 bis 34) erfahren wir, dass es für Jesus sogar das höchste Gebot war – neben dem Gebot, den einen Gott von ganzem Herzen zu lieben (dem jüdischen „Schema-Israel“). Und die Frage, die im Lukasevangelium auf diese Unterhaltung folgt, hat bis heute nichts an Aktualität verloren: Wer ist denn mein Nächster?

Jesus antwortet mit dem bis heute sehr bekannten Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas, 10, 29 bis 36). Darin werden sich ein überfallener im Graben liegender Mann und ein Samariter die Nächsten. Sie reichen sich die Hand. Andere waren vorbei gegangen und hatten ihre Hände in der Tasche oder am Smartphone gelassen. Die Ausreden sind einfach und nachvollziehbar: „Ich habe keine Zeit.“ oder: „Den habe ich gar nicht bemerkt.“ Der Samariter hingegen bleibt stehen und nimmt sich Zeit.

Sich die Hände zu reichen, ist geprägt von einer Gegenseitigkeit, bei der sich Menschen in diesem Moment die Nächsten werden. Ob sie es beispielsweise bei der Begrüßung, bei der Verabschiedung oder zur Entschuldigung tun, für einen kurzen Moment schauen sie sich in die Augen, nehmen einander wahr und erhalten Klarheit darüber, dass der andere ein Mensch ist, wie man selbst. Nächstenliebe schafft Klarheit!

Wir sind aufgerufen, einander die Hände zu reichen. Nicht jedem und jeder – es heißt schließlich nicht: Du sollst alle lieben! – sondern dem Menschen, der einem begegnet, der einen braucht, ob ein bekannter oder fremder, oder ob zu einem passenden oder unpassenden Zeitpunkt.

Wenn Menschen rufen: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ oder: „Migration ist die Mutter aller Probleme“, dann wird das Gebot der Nächstenliebe mit Füßen getreten. Wer ruft: „Wir sind das Volk!“ und damit meint: „Wir gehören dazu und die anderen nicht!“, der urteilt über die Anderen ohne die Klarheit, dass diese Menschen Menschen sind wie er selber. Das jüdisch-christliche Gebot der Nächstenliebe bedeutet: Da ist niemand, dem wir wegen seiner Religion, Sprache oder Hautfarbe nicht die Hand reichen, der nicht unser Nächster werden kann. Wir alle sind das Volk. Das Volk Gottes!

* Der Autor Dominik Kanka ist Pfarrer der Evangelischen Christuskirchengemeinde in Heppenheim.

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