Kommentar

Bumerang

Archivartikel

Karl-Heinz Schlitt ist der Meinung, dass bei der Draisine schon viel zu lange Vergangenheitsbewältigung betrieben wird - zum Schaden der Sache

Anders als im Sport kehren Bumerangs in der Politik manchmal ungewollt dorthin zurück, von wo die Wurfwaffe auf die Reise geschickt wurde. Im speziellen Fall liegt die Zielrichtung in der Vergangenheit, in der Amtszeit des früheren Landrats Matthias Wilkes. Ihm vor allem verdankt der Odenwald - im guten wie im strittig diskutierten Sinne des Wortes - den Erhalt der Gleise und Streckenbauwerke der Überwaldbahn.

Die guten und die Kehrseiten

Die Solardraisine ist sein Baby. Allen Anfeindungen zum Trotz erweist sie sich als eine Fremdenverkehrs-Lokomotive, die auch in dieser unter keinem günstigen Stern stehenden Saison wieder 40 000 Gäste von Mörlenbach nach Wald-Michelbach befördern wird. Sie kehren im Odenwald ein, kaufen Souvenirs, kurzum: Sie lassen Geld im strukturschwachen Odenwald.

So gesehen, ist die Draisine ein Instrument der Tourismusförderung - und der Erhalt der romantischen Strecke praktizierte Denkmalpflege. Als Abfallprodukt bleibt dadurch die zumindest theoretische - zugegebenermaßen nicht sehr wahrscheinliche - Möglichkeit aufrechterhalten, dass vielleicht doch mal wieder öffentlicher Nahverkehr auf den Schienen rollt.

Versäumnis, aber kein Beinbruch

Das alles war von Anfang an so gewollt und durch Gremienbeschlüsse untermauert. Auch, dass die Gesellschafter der Überwaldbahn - der Kreis sowie die drei Odenwaldgemeinden Mörlenbach, Wald-Michelbach und Abtsteinach - dafür mit verlorenen Zuschüssen bluten müssen. Dass sie bis zum vorigen Jahr nicht abgerufen und nicht in die Rücklagen gestellt wurden, muss im Nachhinein als Versäumnis verbucht werden.

Es gehört in eine Reihe von Ungereimtheiten und tatsächlichen oder nur vorgeschobenen Überraschungen. Sie sind Ausfluss einer dilettantischen Führung der Geschäfte, unzureichender Kontrolle und vielleicht auch politisch motivierter Vorgaben.

Ob das aus Blauäugigkeit geschah oder, um einen politischen Leuchtturm, der heimlich und von der Öffentlichkeit abgeschirmt SOS blinkt, in ein besseres Licht zu rücken, ist eine der Fragestellungen, denen ein vom Kreistag eingesetzter Akteneinsichtsausschuss seit einem Dreivierteljahr auf den Grund zu gehen versucht. Das Ergebnis der Recherche ist überschaubar. Kenner der komplexen Materie haben das nicht anders erwartet.

Das liegt zum einen an den inhaltlichen Lücken in den fast 300 aufgereihten Aktenordnern, vor allem aber am Gegenstand der Untersuchung. Er gibt für eine Skandalisierung nichts her, nicht einmal eine neue Erkenntnis.

Touristische Einrichtungen wie die Draisine sind immer ein Zuschussbetrieb. Die Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, liegen auf der Hand: Wer die Fahrgastzahlen aus Kapazitätsgründen nicht steigern kann und seinen Kunden nicht tiefer in die Tasche greifen will, hat nur diese Wahl: Betrieb einstellen - was nicht billiger sein muss - oder Kapitalspritzen zuführen. Bei der Nerobergbahn in der Landeshauptstadt Wiesbaden, in der jährlich mehr als eine Viertelmillion Passagiere Platz nehmen, wurden deshalb vor dieser Saison die Ticketpreise kräftig erhöht. Bei der Draisine im Odenwald hat sich dazu bisher niemand getraut.

Eigentlich ist alles ganz einfach

Um der Freizeitbahn keinen weiteren Imageschaden zuzufügen, bedarf es aber einer ausbalancierten Doppelstrategie. In geregelte Bahnen kommt die in tiefroten Zahlen steckende Solardraisine nur durch ein klares Bekenntnis der Gesellschafter zu ihrem gemeinsamen Projekt. Dazu gehören die Bereitschaft, es mit Subventionen in der Spur zu halten, und ein Geschäftsplan, der alle Einnahmenquellen ausschöpft und die Kosten so aufzeigt, wie sie tatsächlich anfallen. Alles andere ist Augenwischerei.

Schluss mit den Bärendiensten

Statt sich mit vergossener Milch aufzuhalten, sollte der Blick schleunigst noch vorn gerichtet werden. Der ohne Not herbeigeredete Imageschaden ist schon groß genug. Dass Frequenz und Beliebtheitsfaktor der Spaßbahn trotzdem steigen, zeigt nur, welches Potenzial in ihr steckt. Weitere Bärendienste kann sie nicht gebrauchen, auch keine Krokodilstränen nach dem Prinzip: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

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