Kommentar

Dirk Rosenberger über die ausbaufähige Stimmungslage in Bensheim und die damit verbundenen Aufgaben nach der Bürgermeisterwahl am Sonntag

Drei Kreuze im Geist

Archivartikel

Dirk Rosenberger über die ausbaufähige Stimmungslage in Bensheim und die damit verbundenen Aufgaben nach der Bürgermeisterwahl am Sonntag

Bensheim ist nicht Amerika und die hiesigen Kandidaten zum Glück weder Trump noch Biden. Auch sonst hinken mögliche Vergleiche. Aber selbst in der größten Stadt an der Bergstraße dürften nahezu alle (neben ihrem entscheidenden Kreuz) am Sonntag vermutlich drei Kreuze im Geiste machen, wenn das Getöse vorerst ein Ende gefunden hat. Das Klima in der Stadt scheint mittlerweile so vergiftet, dass Greta Thunberg jeden Freitag auf der Mittelbrücke eine Mahnwache abhalten könnte.

Dabei reichen die Wurzeln der Unzufriedenheit weiter zurück als die Bürgermeisterwahl, die ein weiteres, wenngleich starkes Symptom ist. Mindestens seit der teils unversöhnlich geführten Debatte um das Bürgerhaus vor fast zehn Jahren ist die Stadtgesellschaft gespalten, liegen Nerven blank, bricht immer wieder an die Oberfläche durch, was zunächst im Verborgenen brodelt.

Ein rares Gut

Vieles kommt dann in bester Bensheimer Manier hinnerum an die Öffentlichkeit. Respektvoller Umgang miteinander scheint zu einem raren Gut geworden zu sein. Die anonyme Strafanzeige gegen Rolf Richter darf als letzter negativer Höhepunkt angesehen werden. Reaktionen darauf, Verdächtigungen und Anschuldigungen im Anschluss lassen aber nicht hoffen, dass Deeskalation als Stilmittel eine Renaissance erlebt.

Dabei spricht grundsätzlich nichts dagegen, auf der Suche nach der besten Lösung zu diskutieren, zu streiten, sich auch mal gepflegt aufzuregen. Das gehört dazu, diese Reibereien braucht es ohne Zweifel, um alle Perspektiven auszuleuchten. Eine Stadt, in der alle Bürger meditativ entspannt durch die Straßen schweben und im Gleichklang Friedenslieder singen, wird schwer zu finden sein. Es ist und bleibt somit eine Frage der Debattenkultur. Nur ging es zuletzt nicht immer so kultiviert zu, wie man es sich im Umgang miteinander wünschen würde.

Die Grenze des Zumutbaren

In Bensheim wird stattdessen die Grenze des Zumutbaren allerdings viel zu oft und zu weit überschreiten. Das birgt durchaus Gefahren. Wer zu viel Porzellan zerschlägt, steht nicht nur vorm berühmten Scherbenhaufen, sondern wird irgendwann nicht mehr genug Alleskleber auftreiben können, um alle Brüche zu kitten.

Haben wir in Bensheim schon diesen kritischen Punkt überschritten? Das ist schwer zu sagen und eine der großen Zukunftsfragen. Zuversichtlich stimmt, dass es einerseits nicht überall brennt, wo ein bisschen Rauch aufsteigt, und es andererseits viele Bensheimer gibt, die schon jetzt mit versöhnlicheren Tönen versuchen, Gräben zuzuschütten.

Abrüstung könnte helfen

Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass wir alle irgendwie im Glashaus sitzen und überlegen müssen, was wir mit den vielen Steinen anfangen, die wir als Munition angehäuft haben. Abrüstung könnte helfen.

Unabhängig, wer am Sonntag als Siegerin oder Sieger dasteht: Sowohl Christine Klein als auch Rolf Richter müssen Brücken bauen und Barrikaden abreißen, in dem Wissen, dass man nie eine 100-prozentige Zustimmung erreichen wird. Weder bei der Marktplatzgestaltung noch bei der Frage, wofür eine Stadt das Geld ihrer Bürger ausgeben sollte, um zwei Beispiele zu nennen. Nur muss man irgendwann Entscheidungen treffen, die im Optimalfall auf einer breiten Zustimmung fußen. Sonst droht Stillstand.

Klein hat ihren Klimawechsel als zentrales Wahlversprechen im Programm und würde im Erfolgsfall ebenso liefern müssen wie der Amtsinhaber, der bei einer Wiederwahl deutlich mehr gefordert wäre als vor sechs Jahren.

Wählen gehen

Wem die Bensheimer es mehr zutrauen, ihre Heimatstadt mit einer versöhnlichen Perspektive zu versehen und auf drängende Fragen die besten Antworten zu finden, wird sich am Sonntag zeigen. Unstrittig sollte sein, dass deshalb möglichst viele ihre Stimme abgeben müssen.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber die knapp 47 Prozent Wahlbeteiligung von vor zwei Wochen lassen zweifeln, dass das Interesse daran, wer im Rathaus die Führungspositionen besetzt, nicht überschäumend groß ist. Dieser Umstand sollte allen Beteiligten zu denken geben, selbst wenn einige Gründe universeller Natur und kein Bensheimer Spezifikum sind.

Man muss deshalb gebetsmühlenartig wiederholen: Wer gehört werden will, muss in einem ersten Schritt seine Stimme abgeben, auch wenn das paradox klingt. Ist aber so.

 
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