Kommentar

Schwer zu vermitteln

Archivartikel

Dirk Rosenberger über die neue Entwicklung in Sachen Bürgerhaus

Über vergossene Milch soll man sprichwörtlich nicht jammern. Ob das auch für den Fall gilt, dass die Menge an Milch locker ausgereicht, um aus dem Beauner Platz ein Freibad zu machen? Das muss jeder selbst für sich entscheiden.

Fakt ist: Der Beschluss zur Modernisierung des Bürgerhauses war eine Fehlentscheidung. Das weiß man nicht erst seit der neuen drastischen Kostensteigerung. Von bereits strammen 8,8 Millionen ging es im vergangenen Jahr auf schwindelerregende 10,96 Millionen Euro, zeitliche Verzögerung bei der Fertigstellung inbegriffen. Ein Jahr später nun das gleiche Spiel. Wobei die 13,2 bis 13,8 Millionen Euro nun (nicht nur) im wahrsten Sinne des Wortes der Gipfel sein sollen.

Ob ein neuer Herbst neue Erkenntnisse bringt, bleibt abzuwarten. Wie dem auch sei: Das Bürgerhaus-Fiasko macht nahezu sprachlos – was selten eine gute Nachricht ist.

Kein Mut zur Reißleine

Was wäre wohl gewesen, wenn jemand rechtzeitig und in diesem Fall ohne Schorschblick als öffentliches Druckmittel den Mut zur Reißleine bewiesen hätte? Natürlich spekulativ, entbehrt diese Überlegung aber nicht eines gewissen Charmes. Chancen dazu hätte es einige gegeben, zunächst zu Beginn der Amtszeit von Bürgermeister Richter, zuletzt vor knapp einem Jahr, als es das Stadtparlament in der Hand hatte und es lediglich durch die Stimmen der oppositionellen SPD eine Mehrheit gab.

Womit wir wieder bei der vergossenen Milch wären und einem rechtlich nicht bindenden Bürgerentscheid, der aber fortfolgend als Rechtfertigung für den vermeintlichen Mehrheitswillen der Bensheimer herhalten musste, dazu ein Koalitionsvertrag, der es allen recht machen sollte. Auch der Misserfolg hat manchmal viele Väter.

Dass die Kritiker des verkappten Neubaus auf alten Grundmauern die Steilvorlage in ihrem Sinne verwerten wollen und werden, steht außer Frage. Die Zeit für Denkpausen oder einen Plan B ist jedoch mittlerweile längst vorbei. Mehr als acht Millionen Euro sind schon verausgabt oder beauftragt. Dazu ein halbfertiges Gebäude in zentraler Lage. Wer jetzt den Stecker ziehen will, riskiert noch höhere Kosten, so verständlich der Impuls auch sein mag.

Stadt und MEGB müssen nun zusehen, dass sie dem Armutszeugnis nicht eine weitere bittere Note hinzufügen. Als glückliche Fügung, und mehr auch nicht, darf man dabei geltend machen, dass ihnen die Zinslage bei der Finanzierung in die Hände spielt.

Eine gute Nachricht

In der Tat eine gute Nachricht ist, dass man einen erfahrenen Pächter verpflichten konnte. Denn das neue Bürgerhaus muss nach der Einweihung nicht nur ein Erfolgsmodell werden. Es ist zum Erfolg verdammt. Selbst wenn es zum jetzigen Zeitpunkt kaum vorstellbar erscheint, die Wörter Erfolg und Bürgerhaus in einem Satz zu verwenden.

Doch was wäre die Alternative? Mehr als 13 Millionen Euro in eine vernachlässigte Immobilie stecken, die dann leise vor sich hin dümpelt? Das mag man sich nicht vorstellen.

 
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