Kommentar

Dirk Rosenberger über den Bürgermeisterwahlkampf in Bensheim und die am Sonntag anstehende wegweisende Abstimmung in Zeiten des Ausnahmezustands.

Wählen gehen!

Archivartikel

Dirk Rosenberger über den Bürgermeisterwahlkampf in Bensheim und die am Sonntag anstehende wegweisende Abstimmung in Zeiten des Ausnahmezustands.

Ob der Bensheimer Bürgermeisterwahlkampf das Zeug zum Politthriller bei Netflix hätte, sei mal dahingestellt. Unstrittig ist aber, dass die Protagonisten genügend Vielfalt in die Handlung mit einbringen würden. Da wäre der Amtsinhaber, der in seiner Heimatstadt um die Fortsetzung seiner Rathauskarriere kämpft.

Bedrängt wird er von vier Herausforderern, die alle ihre Qualitäten einbringen – vom Überraschungskandidat, den niemand auf dem Schirm hatte, über die routinierte Netzwerkerin, den sportlich-jungen Vereinsboss bis hin zum Berufspolitiker aus dem Nachbarbundesland, der das schwarze Bensheim grüner färben will.

Das Leben ist kein Drehbuch

Nun ist das wahre Leben zum Glück kein Drehbuch und der Kampf ums Rathaus kein House of Cards für Arme. Der Wahlkampf kam in den vergangenen Wochen ohne Intrigen und Tiefschläge aus, die Bewerber pflegten letztlich einen fairen Umgang. Enttäuschend für Streamingfans, genau richtig aber für eine Stadt, in der seit Jahren mehr Gräben gezogen als zugeschüttet werden, man aber dennoch nicht nur mit Samthandschuhen in eine solche Auseinandersetzung gehen kann.

Die Verbalattacken gab es dafür stellvertretend in der Stadtverordnetenversammlung, die nach dem Aus der Koalition zu Beginn dieses Jahres mitunter Züge eines schlechten Debattierclubs mit dem Hang zum Ausleben persönlicher Befindlichkeiten angenommen hat. Aber das ist ein anderes Thema.

Spannung garantiert

Spannung für alle und Anspannung bei den Beteiligten ist jedenfalls garantiert. Ob die Bensheimer am Sonntag tatsächlich die phrasenschwein-verdächtige Qual der Wahl haben, wird sich zeigen. Die Auswahl aus fünf Chefsessel-Aspiranten hat man schließlich nicht alle Tage, historisch betrachtet kam dies in Bensheim erst einmal vor. Quälend sollte es deshalb nicht sein, vielmehr ist es ein gutes Zeichen für eine funktionierende Demokratie, wenn die Bürger in der größten Stadt im Kreis nicht nur den amtierenden Rathauschef bestätigen können (so wie in einigen anderen Kommunen), sondern je nach Gusto auf Alternativen setzen dürfen.

So eint Stefan Stehle, Manfred Kern, Frank Richter und Christine Klein naturgemäß der Wunsch, den Rathauschef in die Wüste schicken zu wollen. Dass es zwischen einzelnen Kandidaten Absprachen zur gegenseitigen Unterstützung bei einer möglichen Stichwahl geben soll, spricht für sich. Bürgermeister Rolf Richter wiederum will (und muss im Falle einer Wiederwahl) zeigen, dass er in der Lage ist, die vielen Baustellen in den Griff zu bekommen.

Inhaltlich befindet sich das Quintett zwar nicht auf einer Wellenlänge, zu groß sind die Differenzen bei den Schwerpunktsetzungen aber nicht. Lediglich bei den Lösungswegen lassen sich Unterschiede erkennen, im Ergebnis müssen sich alle ins Hausaufgabenheft schreiben lassen, Bensheim zukunftssicher aufzustellen. Mit allem, was dazu gehört, lässt sich eine Amtszeit vermutlich problemlos füllen – Marktplatz, Innenstadtbelebung, Klimaschutz, ÖPNV und Kinderbetreuung lassen grüßen. Und das alles mit dem Bürger auf dem Beifahrersitz, denn die Beteiligung der Bensheimer hat sich jeder mit Signalfarbe auf die Fahnen geschrieben.

Und wie geht es aus?

Bleibt die große (und in den vergangenen Tagen oft gestellte) Frage, wie es morgen ausgeht. Eine Prognose könnte dieses Mal dem Blick in eine schlecht polierte Glaskugel gleichen. Das Spektrum reicht vom Durchmarsch eines Einzelnen (nur bedingt wahrscheinlich) über eine Stichwahl in zwei Wochen (schon eher ein heißer Tipp) bis hin zu einer drehbuchreifen Wendung der Handlung mit einem Überraschungssieger– und damit ist nicht ein spontanes Comeback von Thorsten Herrmann gemeint. Die Älteren erinnern sich vermutlich noch an den Vorgänger von Rolf Richter. Und ein paar Jüngere sicherlich auch.

Mit Hygienekonzept

Für die Bensheimer muss die Devise morgen lauten: Wählen gehen – auch wenn es wegen der Coronavirus-Pandemie eine Wahl im Ausnahmezustand ist. Es ist einerseits zwar niemandem zu verdenken, der zögert, ob er zur Tat schreiten soll. Andererseits verfügen die Wahllokale über ein Hygienekonzept einschließlich Maskenpflicht.

In der Theorie sollte dies ein potenzielles Ansteckungsrisiko deutlich senken, in der Praxis darf man davon ausgehen, dass die Wahlhelfer, denen man für ihren Einsatz besonders in diesen Zeiten ein großes Lob aussprechen muss, alles daran setzen, sich und andere zu schützen. Zumal bei einer Abstimmung mit dieser Tragweite eine niedrige Beteiligung eine Enttäuschung wäre – und für keinen ein gutes Signal.

 
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