Lautertal

Schicksale Walter Israel wurde am 9. November 1925 geboren und lebte in Elmshausen / Die Nazis ermordeten ihn im Konzentrationslager, als er noch keine 17 Jahre alt war / Ein Gastbeitrag von Frank Maus

Das jüngste jüdische NS-Opfer aus Lautertal

Archivartikel

Lautertal.Der 9. November steht im Lautertal in einer interessanten doppelten Verbindung zur Reichenbacher Synagogengemeinde, denn es ist jenseits der Pogromnacht, der Geburtstag eines sehr jungen Lautertaler Gemeindemitgliedes jüdischen Glaubens, Walter Israel. Walter wurde am 9. November 1925 im elterlichen Wohnhaus an der Nibelungenstraße in Elmshausen geboren.

Der 9. November wird aus guten Gründen der „Schicksalstag der Deutschen“ genannt. An diesem Tag gab es eine Fülle historisch relevanter Ereignisse, welche die Bedeutung in positiver wie negativer Weise darlegen. Daher findet an diesem Datum in Lautertal traditionell eine Gedenkveranstaltung statt, welche sich dem vermutlich dunkelsten Datum in der Reihe der 9. Novembertage widmet, der Pogromnacht 1938 – von den Nationalsozialisten beschönigender Weise „Reichskristallnacht“ genannt.

In dieser Nacht ließen die NS-Machthaber deutschlandweit Synagogen in Feuer und Rauch aufgehen und legten damit die jahrhundertealte deutsch-jüdische Geschichte über Nacht sprichwörtlich in Schutt und Asche. Die zerborstenen Fensterscheiben auf den Straßen inspirierten die Nationalsozialisten, diese Nacht „Kristallnacht“ zu nennen. Solcherlei Schicksal blieb der Reichenbacher Synagoge erspart, da die jüdische Gemeinde das Gebäude ein halbes Jahr zuvor an die Gemeinde Reichenbach verkaufte.

Eine stolze deutsche Familie

Walter Israels Familie stand in engster Verbindung zur Synagogengemeinde einerseits und zur Lautertaler Heimat andererseits. Seine Mutter war die am 14. September 1892 geborene Elmshäuserin Mina Israel geb. Oppenheimer. Sein Vater, Theodor Israel, wurde am 17. Dezember 1891 im polnischen Lubischin geboren. Über Alzenau fand Theodor der Liebe wegen den Weg nach Elmshausen, wo er das Traditionsgeschäft „Oppenheimer“ mit Mina weiterführte. Vater Theodor war stark ehrenamtlich engagiert. So war er beispielsweise Vorsteher der Synagogengemeinde Reichenbach.

Insbesondere durch seine Mutter war Walter mit der Heimat und der Bevölkerung verbunden. Abgesehen vom beliebten und gelobten Kundenbezug im familieneigenen Kolonialwarengeschäft lassen sich zahlreiche menschliche Verbindungen Walters durch Zeitzeugenberichte nachweisen.

Gleichaltrige Nachbarn berichteten in Interviews, dass Familie Israel/Oppenheimer große Offenheit gegenüber den anderen Elmshäuser Bürgern lebte: „Die ,Oppenheimers’ (traditioneller Name der Familie in Elmshausen) waren völlig normale Mitbürger. Dass die Juden waren, haben wir eigentlich nur an den Feiertagen gemerkt, wenn sie samstags ihren religiösen Feiertag (Sabbat) hatten. An speziellen jüdischen Festtagen hat Sohn Walter mit seiner Mama und Papa immer Matzen (traditionelles Fladenbrot) an die Kinder der Nachbarschaft verteilt. Das war was Besonderes, denn das aus Weißmehl hergestellte Brot kannten wir sonst nicht, mussten wir doch immer das schwere Roggenbrot essen, dass uns längst zu den Ohren rauskam.“ Familie Israel/Oppenheimer verstand sich auch als stolze deutsche Familie. Minnas Brüder Leopold und Max waren im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich gefallen, Max nur wenige Tage vor Kriegsende.

Besonders die ärmere Bevölkerung Elmshausens profitierte wohl von der Menschlichkeit der Familie Israel/Oppenheimer. Übereinstimmend wird berichtet, dass auch die Familien dort Hausrat einkaufen konnten, die kein Geld mitbringen konnten. Sogenanntes „Anschreiben“ war dort an der Tagesordnung, so dass manche verarmte Hausfrau dort Notwendiges besorgen konnte, auch wenn das Geld erst Wochen später „flüssig“ war.

Ein weiteres Beispiel für das große Herz der Familie seien Kleidergeschenke gewesen, heißt es. Eine von der Armut besonders betroffene Familie aus Elmshausen, deren Sohn ein Jahrgangskollege von Walter Israel war, berichtete davon, dass sie für ihren Sohn stets die Kleidung von Walter Israel erhielt, wenn dieser herausgewachsen war und nicht mehr nutzen konnte. „Hier kamen wir – wie andere Familien auch – ab und an in den Genuss, hochwertige Kleidung für unseren kleinen Bruder zu bekommen. Dann hatte der auch mal was Schönes anzuziehen, statt immer nur ,Geflicktes’.“

Aufgrund der sich für die jüdischen Mitbürger immer weiter anspannenden Lage entschied sich Familie Israel, Sohn Walter, auf eine jüdische Schule nach Frankfurt am Main zu schicken, nachdem unmittelbar nach der „Kristallnacht“ der Besuch staatlicher Schulen für Juden verboten war: Am 15. November 1938 erließ das Reichsministerium für Wissenschaft und Erziehung, dass „es […] keinem deutschen Lehrer und keiner Lehrerin mehr zugemutet werden [kann], an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß (sic) es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen.“ (Amtsblatt des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichtsverwaltungen der Länder, Band 4 (1938), Seite 520).

Die Anonymität der Großstadt erlaubte es den jüdischen Bürgern, durch die gegenseitige Hilfe, manche bewusste Schikane des NS-Staates etwas abzufedern. Walter Israel wurde dort speziell auf ein Leben außerhalb von Deutschland vorbereitet. Auch berufspraktischer Unterricht fand dort statt.

Vereitelte Ausreise und Ermordung

Speziell Vater Theodor war sich spätestens mit den fürchterlichen Erfahrungen der „Reichskristallnacht“ darüber im Klaren geworden, dass es dringend nötig sei, aus Deutschland auszureisen, wollte man am Leben bleiben. Mit dem wenige Zeit später beginnenden Zweiten Weltkrieg erschwerte sich die Ausreisesituation allerdings deutlich, da sich das Deutsche Reich mit immer mehr Staaten im Krieg befand und eine Ausreise dorthin folglich unmöglich wurde. Noch mit November 1941 sind durch den Elmshäuser Bürgermeister Scharschmidt intensive Ausreisebemühungen für die Familie belegt. Durch den japanischen Überfall gegen den US-amerikanischen Stützpunkt Pearl Harbour auf Hawaii am 7. Dezember 1941 war die Ausreise in das Wunschziel USA jedoch ebenfalls unmöglich geworden. Schon am 11. Dezember erklärte das Deutsche Reich den USA den Krieg.

Für Walter Israel und seine Familie zog sich zudem die Schlinge der judenfeindlichen NS-Politik undurchdringlich zu. Am 17. März 1942 wurde schließlich eine Ausgangssperre über die restlichen jüdischen Einwohner Lautertals und damit auch gegen Familie Israel verhängt. Am Morgen des 18. März wurden sie schließlich über Bensheim nach Darmstadt deportiert. Von dort begannen am 25. März die hessischen Bahndeportationen in das Vernichtungslager Majdanek im besetzten Polen. Walter wurde vermutlich von seiner Frankfurter Schule aus deportiert. Am 10. Juli 1942 wurde er von seinen deutschen Landsleuten im KZ Majdanek/Lublin ermordet. Auch seine Eltern überlebten den Holocaust nicht. Frank Maus

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel