Lautertal

Judenverfolgung Wegen der Corona-Pandemie erinnerte die Gemeinde Lautertal diesmal im kleinen Kreis an die Opfer der Nationalsozialisten

Stilles Gedenken an der alten Synagoge

Archivartikel

Reichenbach.„Mahnen und Gedenken“ steht auf der Schleife des Kranzes, mit dem Günter Haas, der Vorsitzende der Lautertaler Gemeindevertretung, und Lautertals Bürgermeister Andreas Heun mit einigen Bürgern in der Reichenbacher Bangertsgasse, an die Judenverfolgung erinnerten. Dort stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde.

Zum Jahrestag des 9. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht, erinnerte die Gemeinde Lautertal an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Die Repräsentanten der Kommune verzichteten in diesem Jahr aufgrund der fortwährenden Corona-Pandemie auf Ansprachen und gedachten der Ereignisse vor mittlerweile 82 Jahren zusammen mit den wenigen Bürgern still in einer Gedenkminute.

Ebenfalls wegen der Infektionsgefahr gab es in diesem Jahr keinen Gottesdienst in der nahe gelegenen evangelischen Kirche. Dort erinnern normalerweise Schüler an die Verfolgung der jüdischen Mitbürger.

Am 9. November 1938 waren bei den von der NSDAP reichsweit gesteuerten Aktionen deutsche Bürger jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung ermordet oder in Konzentrationslager verschleppt worden. Ihre Wohnungen und Geschäfte wurden zerstört, jüdische Gotteshäuser geplündert und angezündet.

Der nicht erst am 9. November 1938 begonnene Weg der Nationalsozialisten zur Entrechtung und Erniedrigung jüdischer Bürger führte letztlich in den Holocaust, den industriell organisierten Massenmord, dem etwa sechs Millionen Juden in ganz Europa zum Opfer fielen.

Etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts lebten einzelne jüdische Familien unter anderem in Reichenbach, Elmshausen, Schönberg und Zell – zunächst unter der gräflichen Herrschaft der Grafen Erbach-Schönberg. Dabei waren sie ihrer Herrschaft zu Schutzgeldzahlungen verpflichtet, ihr „wirtschaftlicher Umgang“ mit den Christen wurde in einer Verordnung der Grafen geregelt. Damit sollten die christlichen Untertanen der Grafen vor „Betrug und Wucher“ der Juden geschützt werden.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts siedelten sich weitere jüdische Familien in Reichenbach an. Seit 1806 gehörte Reichenbach zu Hessen. Etwa 1830 / 1840 umfasste die kleine jüdische Gemeinde in ihrer Hochzeit bis zu 90 Personen. 1852 wurde in der Bangertsgasse eine Synagoge gebaut.

Vermutlich 13 Todesopfer

Bei einer Volkszählung im Jahr 1933 wurden immer noch 34 jüdische Einwohner registriert. Nach und nach führten dann erzwungene Abwanderungen zu einer Auflösung der kleinen Gemeinde, Gottesdienste konnten wegen fehlender mündiger Juden nicht mehr abgehalten werden. Um einen Gottesdienst abhalten zu können, hätte es mindestens zehn religiös mündiger Gemeindemitglieder bedurft.

Die letzten drei jüdischen Bürger Reichenbachs und Elmshausens wurden im Frühjahr 1942 von den Nazis deportiert. Insgesamt sollen 13 namentlich bekannte Reichenbacher und Elmshäuser Bürger jüdischen Glaubens dem Holocaust zum Opfer gefallen sein.

Das Synagogengebäude in der Bangertsgasse war bereits im Sommer 1938 an die Gemeinde Reichenbach verkauft worden. Während des Zweiten Weltkriegs diente es als Unterkunft für französische Kriegsgefangene. Seit 1954 ist das Gebäude in Privatbesitz. Im Jahr 1988 wurde eine Gedenktafel an einer Mauer in Nähe des ehemaligen Synagogengebäudes angebracht.

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