Lautertal

Landfrauenverein Gadernheim Thomas Maul referierte über das Leben im Lautertaler Ortsteil und die dortige Mundart

Wie die Odenwälder das „Ü“ vermeiden

Archivartikel

Gadernheim.Seine Kindheit verbrachte Thomas Maul in Gadernheim. Dort wuchs er mit der Odenwälder Mundart auf, die ihm bis heute viel Freude bereitet. Gerne beschäftigt sich Maul mit Geschichte und Bräuchen, besonders denen seiner Heimat. Auch das Schreiben gehört zu seinen Steckenpferden.

Nun war Maul zu Gast bei der Veranstaltung der Gadernheimer Landfrauen und hatte ein dickes Buch dabei. Auf den Erzählabend hatte er sich bestens vorbereitet. Mit seinen Lausbubengeschichten brachte er die Zuhörerinnen oftmals zum Lachen, gerade weil sie einen Bezug zu den Gegebenheiten, Ortschaften oder Personen haben.

Eigentlich „Ostpfälzisch“

Der Gast erklärte gleich zu Beginn für alle, die ihn nicht kennen: „Ich komme aus Garen und wurde 1958 in meiner Oma ihrem Haus in der Hauptstraße geboren“. Schon als Kind lernte er die „Wassergass“ und den „Alten Weg“ kennen. Als Maul Kind war, gab es in Gadernheim alles, was die Menschen zum Leben brauchten, viele verschiedene Geschäfte und Betriebe. Zu Beginn seines Vortrags erinnerte er nicht nur an alte Straßennamen, sondern auch die Welt der Nachbarn mit ihren „typischen Namen“.

Für Thomas Maul ist der Odenwälder Dialekt „Ostpfälzisch“. Er gab nun einen Einblick in die Sprache und ihre Ausdrucksformen. Wer kennt noch das beliebte Kinderspiel „Weljekees“ (mit dem Körper liegend die Wiese runterrollen) oder „illrische“ (das Wiederkäuen der Kuh) oder eine Maulaffe (kleine Schüssel).

In den Odenwälder Dialekt haben sich auch viele französische Worte gemischt, die dann aber doch etwas Eigen geworden sind, wie das Trottoir, die Chaussee, das Portemonnaie oder die Fisimatenten. Sehr beliebt im Odenwald ist das Wort „alla“. Es wird für vieles genutzt, etwa zum Verabschieden anstatt des Wortes „Tschüss“. Das Problem, so Thomas Maul: „Der Odenwälder geht dem ,Ü’ aus dem Weg“. Damit begann er seinen Ausflug in die Möglichkeiten ohne „Ü“. Aus der Mücke wird dabei eine „Micke“, aus müde mied und aus der Kuh die „Kieh“. Manchmal werde auch ein neues Wort kreiert, sagte Maul. Beispielsweise die „Pietsch“ anstelle der Pfütze, das Hinkel ersetzt das Hühnchen oder eben „Alla“ für „Tschüss“.

Nach dieser Einführung gab es eine Darstellung der Straßennamen in Gadernheim, darüber, wo das Innendorf anfängt und welche Geschäfte es alle gab. Einheimische kennen den „Elle-Schorsch“ oder den „Gemies-Gienther“. „Mitten im Dorf stand die Schule und war der Dalles.“

An dieser Stelle gab es auch ein Straßenschild mit dem Hinweis, dass es bis Würzburg 122 Kilometer entfernt ist. „Als wenn die Leute damals einen Sinn dafür hatten, nach Würzburg zu fahren“, überlegte Maul.

Jeder Gadernheimer Bewohner hatte damals seinen Namen und den Namen, mit dem er gerufen wurde. Etwa „Huhl-Hannes“ oder „Huhl-Hannes-Schorsch“ (das war dann der Sohn vom Huhl-Hannes). Und dann gab es den „Seltzerwasser-Hannes“.

Der höchste Feiertag bei einer Familie war das Schlachtfest, da konnten die Nachbarn auch Wurstebrühe bekommen. Beim Schlachten erlebte der junge Thomas Maul eine ältere Frau, die breitbeinig auf einer Treppe saß und zwischen den Beinen einen großen Topf hatte, in dem sie rührte. Schon allein das Bild verwirrte ihn damals und die Verwirrung wurde noch größer, als ihn die Erwachsenen darüber aufgeklärten, dass sie Blut rührte. Nun fiel der Groschen: „In Blutwurst ist Blut drin“.

Mit „dumme Jungenstreichen“ wurde Thomas Maul älter. Er berichtete von „Äpfelschnicken“ und von Ausflügen auf den Fliederbaum an der Friedhofsmauer. „Ein ganz wichtiger Mann war der „Käichemille“, sollte er lernen. Der Küster des Dorfes hatte immer allerlei zu tun. Er kümmerte sich um die Kirche und war auch Beerdigungen ein wichtiger Ansprechpartner. „In seinem grünen Buch stand alles drin“, wusste Thomas Maul. Und wer noch alles wusste, war der Benznickel. Der Nikolaus war dem Bub aus Garen so gar nicht geheuer.

Gerne verbrachte er seine Ferien auf der Glashütt „bei der anderen Oma“. Nach den Berichten, wie gut sich ein sauberes Puhlfass zum U-Boot spielen eignet wurde noch von Spielen auf der Mondrakete, einem Kran berichtet. Thomas Maul verstand es zwei Stunden lang, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und ihnen so manche Lachträne abzutrotzen.

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