Leserbrief

Schotter- und Steingärten

Alten Leuten geht es alles andere als gut

Die jüngsten Berichte über Schotter- und Steingärten und diverse andere Artikel, in denen alte Leute drangsaliert, verunsichert und aufs Gemeinste diskriminiert werden, veranlassen mich zu diesem Leserbrief.

Wenn die Bundeskanzlerin Frau Merkel öffentlich feststellt, dass es Deutschland noch nie so gut gegangen ist wie gegenwärtig, dann wird das wohl so sein. Umso mehr verwundert es einen tagtäglich, wenn man so oft mit alten Leuten, meistens mit Frauen, zu tun hat wie ich beziehungsweise wir.

Denen geht es nämlich alles andere als gut. Altersverachtung wohin man schaut. Ausgerechnet die der als Generation Bescheiden zugehörige Oma wird als „alte Umweltsau“ beschimpft, dabei hat gerade sie aufgrund ihrer kargen Lebensweise den winzigsten ökologischen Fußabdruck, den man sich überhaupt vorstellen kann.

Uns gegenüber schütten die alten, meist einsamen Frauen, vertrauensvoll ihr Herz aus und bitten um Hilfe. Sie fragen, ob man eine ehrliche Putzhilfe für sie wüsste, einen zuverlässigen Gärtner oder eine bezahlbare Tierärztin. Sie berichten, wie groß ihre Angst vor Einbruch ist, vor dem Virus, vor dem Weg auf den Friedhof, vor dem Einkaufen, ja sogar vor dem Gang zur Mülltonne.

Das kleine bescheidene Häuschen, das sie in schweren Zeiten mit ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Mann selbst Stein auf Stein aufgebaut und mühsam abbezahlt haben, wollen sie solange wie möglich behalten. Sich von ihrem geliebten Haustier trennen und ins Heim gehen, wer will das schon? Wo sollen denn die Alten hin mit sich?

Große Angst vor steigenden Kosten

Doch was die alten Leute in letzter Zeit in der Zeitung lesen müssen, jagt ihnen einen existenziellen Schrecken nach dem anderen ein. Grundsteuer, Hundesteuer etc., alles wird erhöht. Und die Rente, von der viele Alten alleine schon ein Drittel in die Apotheke tragen müssen, wird immer weniger wert.

Jetzt sollen manche Alten, wenn sie Pech haben, auch noch einen fünfstelligen Betrag für die Straße hinblättern und gleichzeitig vom Staat gezwungen werden, eine neue Heizung zu kaufen, obwohl ihre noch gut funktioniert. Wovon denn? Welche Bank gibt denn einem so alten Menschen noch einen Kredit?

Und wenn man es zum Beispiel wagt, an der Grundstücksgrenze einen alten, morschen Baum fällen zu lassen, bevor er auf das Haus des Nachbarn stürzt, muss man über 700 Euro Strafe bezahlen, wer denkt sich sowas nur aus? Wie sollen die Alten mit ihren Arthrosehänden denn das machen, im Herbst jeden Tag die Blätter wegkehren, damit keiner ausrutscht, und nach Stürmen ganze Äste wegräumen?

Senioren werden benachteiligt

Die Altenfeindlichkeit ist grenzenlos in unserer Gesellschaft. Die Alten, die keine Lobby haben, sind die mit Abstand benachteiligste Gruppe der Gesellschaft. Überall wird viel über Empathie geschrieben, Menschlichkeitsfanatiker werden hoch gelobt, aber in alte Menschen kann und will man sich wohl nicht hineinversetzen. Wenn alte Leute, die sich nicht mehr gut bücken können und denen zur Pflege und zum vielen Gießen in den immer heißer werdenden Sommern die Kraft fehlt, wenigstens ihren Vorgarten mit Schotter anlegen lassen wollen, so sind sie nicht, wie in einem der Artikel geschrieben, „bedingt vernunftbegabt“ oder gar faul, sondern eher verzweifelt.

Dass durch ein paar Stein- und Schottergärten „die Temperaturen steigen“, wie behauptet wird, halte ich für äußerst abwegig. Unser Land ist nur ein kleines Pünktchen auf der Weltkarte, am immer prekärer werdenden Klimawandel ist bestimmt nicht das Verhalten einiger alter Leute Schuld, also hört auf, sie zu diskriminieren. Sie haben es schwer genug.

Manchmal kann man einfach nur wütend werden, wenn man die Zeitung liest.

Andreas Heinl

Bensheim

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