Leserbrief

Wie frei darf Kunst sein?

Aus für den Musikpreis Echo: Gut so!

„Kollegah“ und „Farid Bang“ (, das sind Rapper: schnell-rhythmische Reim-Schwätzer, von englisch: to rap, „schwätzen“) haben dem Musikpreis „Echo“ mit ihren Texten den Todesstoß versetzt. Der Bundesverband der Musikindustrie hatte sich erst noch hinter die Schwatz-Musiker gestellt mit dem Argument, verbale Provokationen wie zum Beispiel „mein Körper ist muskulöser als der von Auschwitz-Insassen“ seien ein Wesensmerkmal der künstlerischen Freiheit zum Zwecke, Diskussionen anzuregen; doch dann teilte der Verband mit, dass die Kritik an seiner diesjährigen Preisvergabe den „Echo-Preis“ ruiniert habe.

Wie konnte das geschehen? Nun, es liegt daran, dass besonders die Kunst frei sein muss, wenn sie über provozierendes Ausdruckshandeln zur Meinungsbildung anstacheln will. Aber wie frei darf Kunst denn sein? So frei, wie die Gedanken frei sind? Nun, denken darf man alles. Aber laut äußern darf man nicht alles, was man so denken kann. Zum Beispiel dürfte man nicht sagen können – auch in der Satire oder im Rap nicht – „mit dem Sprengstoffgürtel … in die Menschenmenge und sechzig Menschen killen“ (so Kollegah und Farid Bang).

Am Anfang war Böhmermann

Angefangen hatte es wohl mit dem Fernseh-Klamauk-Poltergeist-Witzbold Jan Böhmermann, als er sagte: „Was ich jetzt sage, darf man in Deutschland nicht sagen. Und um es zu verdeutlichen, sage ich über Erdogan etwas, das man nicht sagen darf: Erdogan schlägt Mädchen in Sado-Masokleidung, am liebsten fickt er Ziegen und unterdrückt Minderheiten, er tritt Kurden und schaut dabei Kinderpornos, und abends dann Schwanzlutschen mit Schafen.“

Man nennt so etwas „Satire“. Psychologisch ist Satire eine Form des Hassens. Und im Alltag nennt man so eine Form des Sprechens Sarkasmus. Zu hassen ist strafrechtlich eine Beleidigung bis hin zur Volksverhetzung.

Aber als Satire-Kunst dargestellt, ist diese Form des starken Ablehnens strafrechtsfrei. Dabei jedoch prägt Sprache das Bewusstsein. Der Schluss: Politik muss viel genauer benennen, was geht und was nicht mehr straffrei geht, denn nach den von der Politik gemachten Gesetzen muss die Justiz handeln. Deshalb: Böhmermann bestrafen, die Rapper Kollegah und Farid Bang bestrafen, damit nicht so viele Konsorten (ihrer Art Gemäße) ihnen nachfolgen.

Immer stärkere Verrohung

Es ist nicht gut für unser mitunter konflikthaftes Zusammenleben, wenn unsere Gesellschaft immer mehr verroht: hass- und gewaltbereit wird in Form polemisch- oder satire-drapierter Äußerungen in Politik und Kunst. Deshalb: Keine Toleranz für Intolerante, Strafe den Hassern. Ganz cool abstrafen. Ganz simpel abstrafen. Warum? Anstand. Mehr Anstand. Funkt schon. Weiß ich als Ex-Reli-Lehrer.

Kirsten Heisig, die Jugendrichterin aus Berlin, nennt ihr Buch „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter.“ Bereut man und will sich ändern, soll man verziehen bekommen und haftentlassen werden. Denn man darf nicht nachtragend sein und muss die Menschen lieben, denn wir brauchen das alle: Verständnis und Vergebung.

Übrigens: Kirsten Heisig war eine gute Freundin des Berliner SPD-Ex-Bürgermeisters von Neukölln, Heinz Buschkowski. Und seine resolute Nachfolgerin war Franziska Giffey. Sie ist die neue SPD-Familienministerin. Wir müssen uns erneuern. Nicht nur die SPD muss das erfolgreich tun. Sonst verlieren wir Wichtiges. Unser Staat und die SPD.

Stefan Link

Lorsch

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser-anzeiger.de/leserforum

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