Leserbrief

Soziales

Baby misshandelt: Ein Thema für die Gesellschaft

Ein Säugling wird, statt behütet und geschützt durch die Eltern oder ein Elternteil misshandelt. Diese Menschen sind schuldig, keine Frage. Doch sind nicht auch wir als Gesellschaft auf eine Art mitschuldig?

Wenn in unserem so reichen Land eine junge Erstlingsmutter ohne kontinuierliche Hilfe und Begleitung nach Hause geschickt und alleine gelassen wird, ist das nicht auch eine Art „unterlassene Hilfeleistung“?

Dass eine Familie eine Risikofamilie werden könnte, ist oft von erfahrenen Begleitern schon früh zu erahnen. Zum Beispiel von einer nicht überlasteten Krankenschwester, die auch die Zeit hat, zu beobachten und zu erkennen.

Was muss noch alles passieren, bis jede in Deutschland gebärende Frau für das erste Lebensjahr des Kindes eine Hebamme als Begleitung an ihre Seite bekommt? Intensiv und so oft, wie sie es braucht, wenn sie von Ängsten, Unsicherheit, Einsamkeit oder zu geringem Wissen über das „Mutter-Sein“ geplagt wird. Viel und schnelles Geld fließt in Deutschland in alle Varianten von Technik, oft ungefragt. Doch Deutschland braucht zuallererst Menschen mit Kompetenz und Werten und erst dann technische Ausstattung.

Hebammen für alle werdenden Eltern und genug und gute Lehrer für alle unsere Schulkinder. Auch wenn in dem im BA berichteten Fall jede Hilfe zu spät kommt, muss man wenigstens versuchen zu verhindern, dass sich etwas so Grausames wiederholen kann. Der Staat kann das Leid und das Böse zwar nicht aus der Welt schaffen, aber er kann für die Schutzbedürftigen Rahmenbedingungen schaffen, die Leid erkennen, Gewalt reduzieren und im besten Fall verhindern können.

In diesem traurigen Fall wäre die Rettung womöglich eine Hebamme gewesen, mit großzügiger Stundenausstattung, die nicht überlegen müssen, ob sie die Zeit bei der, warum auch immer, bedürftigen Familie verbringen kann, oder besser minuziöse Rechnungen für ihre wertvolle Arbeit schreiben soll, damit diese überhaupt ausreichend bezahlt wird.

Eine Hebamme leistet viel mehr als die körperliche Versorgung der Mutter vor und nach der Geburt. Sie gibt weiter, was wichtig ist für das Leben mit Kindern – so lange, bis die Eltern gelernt haben zu sehen und zu erkennen, was ihr Kind braucht, anstatt verirrt zu googeln nach 1000 Möglichkeiten und die emotionale Aufmerksamkeit für das Baby dabei noch gefährlich verringern.

Ich empfinde es als Schande für unser reiches Land, dass Neugeborene und frische Eltern hier derart alleine gelassen werden. Ohne meine Hebamme hätte ich meine drei Geburten nicht so gut vorbereitet erlebt und das wichtige und anstrengende erste Jahr jedes Mal gut überstanden. Die Hebammenpraxis, die meine letzte Geburt begleitet hat, gibt es nicht mehr, aufgelöst wegen belastender Gesetzesänderungen, ohne einflussreiche Lobby für diesen so unglaublich wichtigen Berufsstand.

Die Abschaffung der Bensheimer Geburtenstation mit 600 Geburten im Jahr ist unfassbar und es sollten sich politisch einflussreiche Menschen über die Bemühungen der örtlichen Ärzte und Krankenhausmitarbeiter hinaus für einen Fortbestand dieser Station einsetzen.

Annette Hennemann

Bensheim

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