Leserbrief

Corona-Krise

Blick auf Masken weckte Erinnerungen

Heute sind meine Frau und ich mit dem Rad ins Zentrum von Lorsch gefahren. Ein Cappucchino sollte es sein, kurz vor dem Essen. Im ‘Weißen Kreuz’ gegenüber dem alten Rathaus an der offenen Theke gibt’s einen ‘Coffee to go’. Tische und Stühle, alles abgesperrt, halt Corona-Zeit. Draußen leere Bänke. Auf einer Bank vor der Klosterhalle sitzen zwei Italiener, lautstark im Gespräch, mit nötigem Abstand, Maske in der Hand und ebenfalls einem Kaffee im Lavazza-Becher. Es geht wohl um einen Bekannten, er faste, deshalb sei er heute nicht da. Er trinke nicht vor Sonnenuntergang.

Wir setzen uns auf die nächste Bank, drei Meter neben ihnen und verbrennen uns fast unsere Zunge an dem heißen Gemisch. So schlürfen wir vorsichtig den schwarzen Kaffee, gekrönt mit weißer Milch. Eins, zwei Frauen kommen uns entgegen und gehen an uns vorüber, sie tragen eine bunte Gesichtsmaske, fremd sieht es aus. Bei einer Frau fällt mir ein Erlebnis vor vier Wochen ein.

Es war in der Bretagne vor Ostern in St-Michel-en-Grève, direkt am Strand der Kanalküste. Auch dort nur 50 Schritte weiter das Rathaus der kleinen Gemeinde mit dem Friedhof direkt am Meer. Corona auch längst hier. Président Macron hatte vor wenigen Tagen seine „Kriegsrede“ gegen das Virus gehalten. Die Straßen sind leer und die Restaurants geschlossen. Lediglich die „Bar au centre ville“ offen. Schließlich muss man ja irgendwo eine der täglichen Zeitungen ‘Télégramme’ und ‘Ouest France’ kaufen können. Zigaretten oder eine Flasche Wein warten auf ihre Käufer. In den Zeitungen jedesmal ein Abschnitt „Attestation de Déplacement Dérogatoire“, also eine Erklärung zum Selbstausfüllen, warum man sich vom eigenen Haus entfernt.

Vorne beim Strandhotel sind zwei, drei Stände für einen lokalen Lebensmittelmarkt aufgebaut. Wir gehen in die Bar und erbitten uns einen kleinen Kaffee, um ihn draußen vor der Tür, neben dem Abfalleimer schnell zu trinken. Vor uns steht ein älterer Bretone, auch er wie wir ohne Gesichtstuch.

Gesichtsschutz in der Bar

Dann kommt eine vierte Person aus der Bar, es ist ein junger Mann. Er trägt einen Gesichtsschutz, ein umgeschlungener Schal. Diesen hatte unser Nachbar vorher noch nicht gesehen. Der Bretone sagt erstaunt zu uns gewandt: „A bientôt il nous faut porter le burka“(„Bald werden wir eine Burka tragen müssen“) und verschwindet. Das war ein stiller Protest zur inner-französischen Diskussion um die Verschleierung einer muslimischen Frau. Heute tragen wir, Männlein wie Weiblein, selbst eine handgefertigte Maske.

Dirk Römer

Lorsch

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser-anzeiger.de/leserbriefe

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