Leserbrief

Prozess

Das Leid des Opfers als Gradmesser für die Schwere der Tat

„Sexualstraftäter scheitert mit seiner Berufung“, Bergsträßer Anzeiger vom Samstag, 7. Juli

Ein Nebenaspekt in der Berichterstattung bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung irritiert mich immer wieder: Die meisten Menschen scheinen zu glauben, dass das noch immer andauernde Leiden des Opfers zeigt, wie schlimm die Tat war.

Auch nach einem Jahr – wenn der Prozess stattfindet – muss das Opfer dadurch, dass es immer noch leidet, in gewisser Weise herhalten dafür, die Schwere der Tat und die entsprechend harte Bestrafung einleuchtend zu machen. Ich finde das schrecklich.

Wir sollten doch wünschen und hoffen, dass das Opfer – egal, wie schrecklich die Tat war – möglichst schnell und gut wieder ein normales Leben führen kann – wenn irgend möglich. Könnten nicht die Journalisten durch ihre Berichterstattung dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit lernt, dass es zwei Paar Schuhe sind: einmal die Beurteilung der Schwere einer Tat und zum anderen das Leiden des Opfers beziehungsweise dessen Genesung vom Leiden? Denken die Richter vielleicht genauso: Wenn das Opfer immer noch derart leidet, muss die Tat besonders schlimm gewesen sein? Dass das Opfer fast gezwungen wäre, sein Leiden mindestens bis zum Prozess zu konservieren, damit die Tat auch angemessen bestraft wird? Fürchterlich, wenn das so wäre!

Otto Merkel

Bensheim

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