Leserbrief

Friedhofstraße

Den Mut haben, neue Prioritäten zu setzen

Die ersten Bewohner denken bereits darüber nach, wieder aus dem Euler-Quartier wegzuziehen. Der ein oder andere wird jetzt sagen: Super, sollen sie doch gehen, wenn es ihnen hier nicht gefällt. Doch was dann? Dann kommen andere Menschen, ziehen hier ein und merken, hoppla, Tempo 30 wäre durchaus angebracht. Es ist ja wirklich ziemlich laut und gefährlich hier. Denn das wird jedem vernunftbegabten Bürger so gehen, der sich hier eine Wohnung nimmt. Ein Austausch der Anwohner ist also eher nicht die Lösung. Es bliebe natürlich noch die Möglichkeit, das Spiel so lange fortzusetzen, bis niemand mehr im Euler wohnen will. Dann wäre es schön ruhig um Tempo 30 und jeder kann wieder mit 70 in sein Dorf fahren. Gut, fehlen dann halt 500 Einwohner mit ihrer Kaufkraft, den Steuern und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Bensheim wäre dann um ein weiteres Millionengrab aufgrund städtischer Fehlplanung reicher. Kann man wollen – muss man aber nicht.

In den sozialen Medien spielt sich in den letzten Wochen eine unwürdige Posse rund um „Neubürger“ und „Alteingesessene“ ab, die, würde es nicht um Gefahr für Leib und Leben gehen, durchaus als abendliche Sitcom taugen würde. Da ist die Rede von Zugezogenen, die erst mal Forderungen stellen. Sollen die mal schön ruhig sein, schließlich wohnen wir in Zell/Gronau schon immer hier. Ist das so? Vielleicht wurden auch dort Menschen mit offenen Armen empfangen, die sich vor vielen Generationen einmal für Bensheim als Wohnsitz entschieden haben.

Jetzt kann man natürlich verstehen, dass eine Veränderung, die auch noch persönliche Nachteile mit sich bringt, nicht jubelnd begrüßt wird. Menschlich. Doch der Mensch unterscheidet sich ja von anderen Lebewesen auf unserem Planeten unter anderem dadurch, dass er in der Lage ist, über seine persönliche Situation hinaus ein Thema gesamtheitlich erfassen zu können. Und dann kann er mit seinem Intellekt erfassen, dass es der Trend der Zeit ist, dass die nachfolgenden Generationen nicht mehr alles dem wirtschaftlichen Erfolg, der Geschwindigkeit und – hier konkret – der Vormachtstellung des Autos unterordnen.

Die Stadt ist für die Menschen da und nicht der Mensch für die Stadt. Faule Kompromisse zu Lasten der Lebensqualität werden immer weniger toleriert und die Gewichtung konkurrierender Themen verschiebt sich. Es gibt nicht das Grundrecht, neun Sekunden früher auf der Couch zu sitzen. Aber es gibt das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Alle politisch Verantwortlichen in Bensheim haben hier so ein großes Potenzial, diesen Zeitgeist zu mehr Lebensqualität auch verkehrstechnisch umzusetzen. Sie sollten den Mut haben, neue Prioritäten zu setzen. Jeder Volksvertreter kann für sich selbst entscheiden, wie er in die Geschichte dieser Stadt eingehen möchte. Als rückwärtsgewandter Bewahrer veralteter Strukturen oder als mutiger Gestalter moderner Lebensräume.

Michael Sassen

Bensheim

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