Leserbrief

Corona-Pandemie

Ein gewisses Infektionsgeschehen zulassen

Es ist aus heutiger Sicht wohl ein Irrtum weiter anzunehmen, dass die größte Gefahr der Biotechnologie in der Genmanipulation liegt. Ein Gentest, der in der Lage ist, ein einzelnes Molekül-Genom nachzuweisen, trifft auf eine Weltbevölkerung, die im Umgang damit noch keine Risikokompetenz entwickelt hat.

Scheinbare Transparenz

Wir erleben ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte mit weitreichenden Folgen. Zum ersten Mal wird die weltweite Verbreitung eines Virus durch eine neue Technologie unmittelbar sichtbar gemacht. Diese scheinbare Transparenz suggeriert den Eindruck, man könne Kontrolle über das Infektionsgeschehen erlangen. Dabei differenziert die aktuell oberflächliche Aneinanderreihung von Testergebnissen nicht zwischen krank/gesund, symptomatisch/asymptomatisch, infektiös/nicht infektiös, Zeitpunkt der Infektion und dem individuellen Maß der Übertragungsfähigkeit durch den Wirt.

Die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Testergebnis wird von mehreren Einflussfaktoren bestimmt, wie zum Beispiel der Zeitspanne zwischen Infektion und Testung. Ob mit der aktuellen Teststrategie ausschließlich zusammenhängende Infektionsketten nachverfolgt werden, ist daher fraglich.

Keine einheitlichen Standards

Zusätzlich wird vermutlich ein diffuses Infektionsgeschehen im Hintergrund in Form von Zufallstreffern offengelegt. Noch gibt es keine einheitlichen Standards, weder national noch international, die bei der Auswertung der Test-Rohdaten differenzierbare Ergebnisse liefern würden.

Wir lernen so nur mühsam und leidvoll, wie diese Technologie zum besten Nutzen eingesetzt werden kann. Jeder positiv Getestete und seine Kontaktpersonen erhalten eine Quarantäneanordnung des Gesundheitsamtes. Die Anordnung erfolgt auf Basis des geringstmöglichen Informationsgewinns dieses Tests, nämlich dass das Vorhandensein von Virusgenom nachgewiesen wurde oder eben nicht. Gleichzeitig erfolgt dadurch die größtmögliche Einschränkung unserer Grundrechte, nämlich der Freiheit.

Katastrophe für die Bürger

Wer wird auf Dauer unter dem Damoklesschwert der permanenten Quarantäneandrohung Aktivitäten planen, bei denen eine Kontaktverfolgung durchgeführt werden kann? Die aktuelle Teststrategie ist eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Katastrophe für Bürger, insbesondere Familien mit Kindern, die Gemeinschaft auch in unserem Landkreis und ganze Wirtschaftszweige. Es brauchte dringend Aufklärung und eine bessere Teststrategie, auch um die Angst vor dem sichtbar gemachten Unsichtbaren zu beruhigen.

Mut erforderlich

Die aktuellen Vorschläge aus dem Frankfurter Gesundheitsamt sind dazu aus meiner Sicht sehr unterstützenswert. Diese beinhalten den Schutz vulnerabler Gruppen und eine Folgenminderungsstrategie. Das würde bedeuten, dass wir ein gewisses Infektionsgeschehen zulassen. Dies erfordert aber sicherlich auch den Mut, die tiefsitzende Furcht vor einer Infektion ein gutes Stück zu überwinden.

Dr. rer. nat. Björn Seibold

Bensheim-Auerbach

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