Leserbrief

Innenstadt

Ein Plädoyer für das neue Haus am Markt

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst der Unlust auf Zukunft, des völligen Unwillens zur Gestaltung und Umsetzung von Projekten und Innovationen. Es geht einher mit Miesepetrigkeit, Bedenkenträgerei, Angst vor Entscheidung und dem Niederbrüllen von Menschen mit einer anderen Meinung oder Vision von Zukunft.

Essen ist gefährlich, das Internet auch, Autofahren und Fliegen sowieso. Nun auch noch das Bauen und damit ein Bereich, der mich als gelernte Architektin betrifft. Architektur bestimmt unser gesamtes Leben. Unseren Wohnbereich und den öffentlichen Raum. Es bestimmt unsere Wahrnehmung, unsere Behaglichkeit und unsere Stimmung.

Riesige Chance

Das neue Haus am Markt ist daher eine riesige Chance für eine neue Wahrnehmung des Marktplatzes, eine Initialzündung für einen Bereich, der dringend der Wiederbelebung bedarf. Es kann doch nicht sein, dass man als (jüngerer) Bensheimer mittlerweile regelrecht nach Weinheim oder nach Heidelberg flüchten muss, wenn man Samstagsmorgens einfach mal schön stilvoll bummeln, shoppen oder frühstücken gehen möchte.

Man kann hier ja gerne anderer Meinung sein als ich, aber was mich an den negativen Protesten der ganzen (überwiegend älteren) mutigen Bürger, alternativen Bürger, ökologischen Bürger, antikapitalistischen Bürger oder was auch immer stört, ist, dass immer nur gesagt wird, was man nicht möchte. Die halbherzig dahergebastelten – und ich muss auch ehrlich sagen, oft vor architektonischer und historischer Inkompetenz nur so strotzenden – Vorschläge zur Umnutzung wären eher eine Bürde für die kommenden Generationen als ein Gewinn oder eine Chance.

Land wird kaputtgespart

Dieses Land wird seit Jahren konsequent kaputtgespart, überwiegend von Grauköpfen ohne Rücksicht auf kommende Generationen. Ich bin mir sicher, dass in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen in unserem (angeblich oder tatsächlich) so reichen Land auch einmal ein paar Euro übrig sein sollten, um den kommenden Generationen etwas Schönes und nachhaltig auf Gewinn für uns ausgerichtetes zu gönnen.

Kaum flexibel nutzbar

Sonst fördert man nur die Abwanderung. Außerdem wird nur, ähnlich wie am Frankfurter Römer, im Krieg zerstörte (hier klassizistische) Bausubstanz rekonstruiert. Bausünden aus den 60er und 70er Jahren zu erhalten, die mit ihren Bauschäden und verschachtelten Grundrissen kaum flexibel umnutzbar sind, ergibt aus meiner Sicht wenig bis keinen Sinn und erzeugt nur dauerhafte Kosten ohne Mehrwert.

Daher freue ich mich auf das neue Haus am Markt und hoffe auf eine Wiederbelebung unserer historischen Mitte für uns alle.

Alexandra Enders

Bensheim

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