Leserbrief

Antisemitismus

Eine Meinung, die sich leider immer mehr verbreitet

„Die Deutschen und die Juden im Jahr 2019“, BA-Leserforum vom Donnerstag, 24. Oktober

Der Leserbrief-Autor schreibt, dass ihm die „Erinnerungsorgien“ anlässlich des Holocausts (deutsche Vernichtung der Juden in KZs) „auf den Geist gehen“. Da diese Meinung sich leider immer mehr verbreitet und auch der Antisemitismus (Halle) zunimmt, ist dies der Anlass, darauf argumentativ zu antworten.

Erinnerungen an Verbrechen wie den Holocaust braucht jeder von uns deshalb, weil man

1. selbst aus Angst vor den Nazis zum Mitläufer hätte werden können und

2. die Kraft, dagegen sein zu können, erst entsteht, wenn man sich mit der möglichen eigenen Schuld auseinandersetzt.

Es genügt nicht, wie der Autor schreibt, kein Antisemit zu sein und das Massaker in Halle zu verurteilen. Das ist zu billig (zu einfach). So wie ein jährlicher Nationalfeiertag (Erinnern an die Wiedervereinigung) zu uns Deutschen gehört, so gehört auch das jährliche Erinnern an den Holocaust zu uns Deutschen.

Das hat nichts mit „Orgien“ zu tun, sondern mit Selbstbewusstsein: Zu seiner möglichen Schuld zu stehen und selbstbewusst zur Schuld der meisten Deutschen, weil der Holocaust zwar geschichtlich einmalig ist, aber unter den gleichen geschichtlichen Bedingungen auch anderen Nationen ähnlich hätte passieren können.

„Nie wieder“ setzt voraus, dass man

1. sich mit dem Holocaust auseinandersetzt (= unter anderem: Wie hätte ich wohl reagiert?) und

2. sich öffentlich erinnert: Zum Beispiel laden Politiker jedes Jahr zum Erinnern und Auseinandersetzen ein, weil eben das Ereignis der Judenvernichtung so zur Deutschen Geschichte gehört wie der Mauerfall (Überwindung der DDR-Diktatur).

Stefan Link

Lorsch

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