Leserbrief

Corona-Pandemie

Einigen scheint der Ernst der Lage nicht klar zu sein

Mit Erstaunen lese ich sowohl die Artikel als auch die Leserbriefe zum Thema Corona – offensichtlich sind auch wir bereits bei den alternativen Fakten angelangt, ohne es zu merken. Oder die Kommunikation in der Sache ist eine Katastrophe, was für eine Pandemiebekämpfung grundsätzlich nicht hilfreich ist.

Einerseits scheinen die Maßnahmen auf Kreisebene und in Hessen verbesserungsfähig: Dass eine Strategie der Quarantäne der Kategorie-eins-Kontakte nur sinnvoll ist, wenn die Testung und Ergebnisermittlung dieser Kategorie nicht länger dauert als die Inkubationszeit der Kategorie zwei, sollte eigentlich selbsterklärend sein. Ist es aber wohl nicht. Dass eine Pandemielage nicht besser wird, wenn es sechs Wochen dauert, um überfüllte Schulbusse nur auf Teilstrecken zu entlasten (die Linie 665 ist nach wie vor überfüllt), ist auch eher selbsterklärend.

Risikovermeidung ist angesagt

Dass Mittelwerte für Deutschland oder Einzelregionen (R-Wert, Inzidenz) wenig aussagekräftig sind, wenn zum Beispiel in die Formel des R-Wertes die Anzahl der persönlichen Kontakte als wichtiger Multiplikator eingeht – ist Mathematik, also eigentlich auch selbsterklärend. Häufige Tests bei potenziellen Superspreadern, also Menschen mit berufsbedingt vielen Sozialkontakten, wären da von Anfang an das Gebot. Dann könnten diese Menschen beruhigt ihrem Job nachgehen ohne Angst für sich selbst und andere. Wenn man die Zulassung von Schnelltests verschläft, hat man da natürlich ein Problem.

Dass das Robert-Koch-Institut statistische Informationen zu „Ausbruchsereignissen“ liefert und daraus besonders gefährliche Ansteckungswege – und scheinbar weniger gefährliche Dinge wie ÖPV-Nutzung – abgeleitet werden, das ist recht seltsam, wenn insgesamt weniger als 25 Prozent der Fälle auf die Ausbruchsereignisse zuordenbar sind. Wenn dann noch im „Kleingedruckten“ eingestanden wird, dass das möglicherweise weniger über die Ansteckungsgefahr als über die Nachverfolgbarkeit aussagt, hilft es auch nicht mehr. Der Gesundheitsminister nimmt es trotzdem als „Risikozuordnung“. Es ist wohl kein Zufall, dass die Zuordenbarkeit zu Ausbruchsereignissen über die Altersverteilung genau invers zur Mobilitätskurve verläuft.

Die Botschaft ist aber nicht: Alles nicht so schlimm .... Im Gegenteil: Weil die Ansteckungsrisiken überall sind, ist auch überall Risikovermeidung angesagt. Dsewegen ja zur Maske, ja zum Abstand. Das sind ja keine großen Mühsale – im Verhältnis zu einem massiven Lockdown, der ebenso massiv Arbeitsplätze kosten wird. Es scheint, als ob einigen der Ernst der Lage in vielen Branchen des Alltagslebens nicht klar ist.

Ralf Löffler

Lindenfels

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel