Leserbrief

Odenwald-Tipianer

Empörender Umgang mit dem „Waldmenschen“

„Der Tipianer fühlt sich behandelt „wie der Staatsfeind Nummer 1“, BA vom Samstag, 12. Dezember

Als ich den Artikel über den Tipianer mit seiner Jurte las, machte mich die Art und Weise, wie mit diesem Naturmenschen in unserer Gesellschaft umgegangen wird, sehr betroffen.

Er schadet keinem, auch nicht der Umwelt, in der und mit der er lebt. Ich finde, dass bei Marc Freukes eher Achtung und Respekt angebracht wären, als kleinliche Anzeigen und das Beharren auf behördlicher Bürokratie.

Die Gefühle des „Waldmenschen“, der sich wie „Staatsfeind Nr. 1“ behandelt fühlt, kann ich unter diesen Umständen durchaus nachvollziehen.

Im Einklang mit der Natur

Wenn ich zum Beispiel durch die Neubaugebiete spazieren gehe und die behördlich geduldete Sterilität (Schotter-, Stein- und Ziergraswüsten) betrachte, finde ich es erschreckend, dass diese unökologische Handlungsweise geduldet wird, während bei dem Waldmenschen, der doch eine vorbildliche Lösung im Einklang mit der Natur gefunden hat, auf Recht und Ordnung gepocht wird. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die mir durch den Kopf gehen.

Die Angst vor Nachahmern ist unbegründet. Die allermeisten Menschen in unserem Land lieben die ressourcenverschwenderische, bequeme Lebensweise (ich auch bis zu einem bestimmten Maß) und tragen eher zum Verlust und der Zerstörung der Natur bei, als verantwortungsvoll mit ihr zu leben.

Ein anderer wurde toleriert

Außerdem konnte ich jahrelang auf Wanderungen von Gronau nach Schannenbach einen anderen „Waldbewohner“ sichten, nämlich einen Nazi, der da hauste und offensichtlich jahrelang unbehelligt blieb. Was habe ich mich erschreckt und mich bedroht gefühlt. Die Bäume waren mit Hakenkreuzen und Losungen wie „Befreit Rudolf Hess“ verschmiert. Das wurde damals offensichtlich toleriert.

Jedenfalls treibt unsere deutsche Bürokratie durchaus bisweilen merkwürdige und unverständliche Blüten. Ich hätte da ganz andere, sinnvollere gesellschaftspolitische und ökologische Themen im Blick, die anzupacken wären – und die es wert wären, sich zu ereifern und Abhilfe zu schaffen.

Wenn’s nicht so traurig wäre, sähe ich das behördliche Gebaren einfach nur als lächerlich an. Meine Empathie und mein Mitgefühl (auch wenn es nichts nutzt) hat der Jurtenbewohner jedenfalls.

Anne Stadtler

Zwingenberg

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