Leserbrief

Tabakanbau

Es ist die Wahl des Wortes „verpönt“, die mich empört

„Wiege des Tabakanbaus“, BA vom Samstag, 6. Juni

In diesem Artikel ist im Zusammenhang mit dem Niedergang des Tabakanbaus in Deutschland zu lesen: „Längst ist diese Industrie in Billiglohnländer abgewandert, Rauchen zudem verpönt.“ Einige Sätze später, in der nächsten Spalte, wird der Projektleiter des Tabakmuseums beim Heimat- und Kulturverein Lorsch, Bernhard Stroick, erneut zitiert: „Rauchen war ja nicht immer so verpönt wie heute“.

Die Ursachen, weshalb der Tabakanbau in der deutschen Landwirtschaft nur noch eine unbedeutende Rolle spielt, haben mit der Akzeptanz des Rauchens oder der Raucherquote zwar nichts zu tun, sind aber auch nicht die Intention für meinen Kommentar.

Es ist die Wortwahl „verpönt“ im Zusammenhang mit dem Thema Rauchen, die mich empört. „Verpönt“ bedeutet nach Definition auch „nicht gern gesehen“ oder „unerwünscht“. Diese Denkweise verharmlost die Problematik und die Risiken des Tabakrauchens.

Ja, früher haben viele Raucher geraucht, aus vielerlei Gründen, aber in Unwissenheit, wie schädlich der Tabakkonsum ist. Bis zu den 1980er Jahren war die gesundheitsschädliche Wirkung des Rauchens kaum im Bewusstsein der Raucher. Mit den medizinischen Erkenntnissen der 80er Jahre und dem Wissen über die Auswirkungen des Tabakrauchens auf die Gesundheit, hat sich das Rauchverhalten deutlich geändert. Glücklicherweise. Stroick nennt das: „Rauchen war ja nicht immer so verpönt wie heute.“

Viele nationale und internationale Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, Aufklärung und Information, haben dazu beigetragen, dass der Tabakkonsum seit Jahren rückläufig ist. Aber in Deutschland sterben immer noch jedes Jahr etwa 120 000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, weltweit über sechs Millionen, davon viele an den Folgen des Passivrauchens, die also selbst gar nicht geraucht haben (Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum).

Deshalb arbeiten seit 20 Jahren täglich Menschen daran, besonders Kinder und Jugendliche über die Risiken des Rauchens zu informieren, mit dem Ziel, so zur Bewusstseinsbildung beizutragen, dass sie möglichst gar nicht erst mit dem Rauchen beginnen. Erfreulicherweise zeigen die Zahlen, dass dieser Kampf zwar mühsam, aber erfolgreich ist und seit Jahren weniger Jugendliche rauchen.

Die Geschichte der Tradition des Tabakanbaus in der Region, der sozialen Auswirkungen auf die Bevölkerung, sowie der arbeitsintensiven Schritte in Handarbeit bei Anbau, Ernte, Verarbeitung und Zigarrenfertigung, soll selbstverständlich wachgehalten werden.

Lorsch hat ein Tabakmuseum, einen Tabakschuppen und einen Tabakbrunnen – Möglichkeiten, die Tabaktradition angemessen zu würdigen.

Aber warum muss man dazu jedes Jahr circa 10 000 Zigarren vermarkten? Dafür fehlt mir das Verständnis. Nach eigenen Angaben (unter anderem auf www.lorsch.de) werden seit dem Jahr 2014 im Rahmen des Tabakprojektes jährlich circa 10 000 Zigarren verkauft.

Nur weil der Rauch nicht in die Lunge inhaliert, sondern im Mund „geschmeckt“ wird, ist Zigarren- und Pfeifenrauchen kaum weniger schädlich, als Zigarettenkonsum. Das „Geschmackserlebnis“ im Mund und Rachen birgt die Risiken lediglich meist in anderen Bereichen des Körpers (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).

Auch wenn vorgegeben wird, dass es bei dem Projekt nicht primär um das Rauchen und den Nikotingenuss geht, besteht aus meiner Sicht zwischen Rauchen und Gesundheit ein kausaler Zusammenhang.

Fakt ist, Rauchen ist gesundheitsschädlich und kann abhängig machen. Dieser Aspekt kommt mir bei dem Tabakprojekt deutlich zu kurz. Die Initiatoren des Kultur- und Tourismusamtes der Stadt Lorsch zelebrieren das Tabakprojekt, suggerieren das „Geschmacks- und Kulturerlebnis Tabak“ und ignorieren dabei völlig, dass auch das Paffen einer Lorsa Brasil der Einstieg in eine Raucherkarriere sein kann.

Sigrid Nordhaus

Einhausen

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