Leserbrief

Gewerbegebiet Stubenwald

Es lebe der ungebremste Flächenverbrauch

In einem Artikel im Bergsträßer Anzeiger vom 8. März wurde ein im Gewerbegebiet Stubenwald neu errichtetes großes Büro-Haus in höchsten Tönen gelobt – sowohl durch Zitate vom Geschäftsführer des Investors als auch vom für die Stadt Bensheim dafür zuständigen Ersten Stadtrat Helmut Sachwitz.

Man könnte glauben, es gäbe nichts Erstrebenswerteres, als dort arbeiten zu können . Nämlich, weil es sich um ein Bürogebäude „mit Wohlfühlfaktor und hohem Nutzer- Komfort“ handeln soll. Und vor allem aber, weil die dort Beschäftigten zusätzlich noch einen unverbaubaren Blick ins Grüne Richtung Bergstraße genießen könnten.

Ein Blick in die Natur ist jedem Arbeitnehmer zu gönnen. Aber diesen Blick hatten die Arbeitskräfte auf dem Land einst auch einmal. Durch den unmittelbaren Kontakt dieser Menschen damals mit der Natur und Landschaft hatten diese vormals aber auch noch ein Bewusstsein für die Belastbarkeit der Natur. Das haben wir uns aber in den letzten Jahrzehnten schon längst abgewöhnt.

Wo ist noch etwas unverbaut?

Wenn man jetzt schon das, was man von diesem neuen Büro-Gebäude in Richtung Bergstraße zu sehen bekommt, als „unverbauten“ Blick ins Grüne bezeichnet, dann kann man daran ablesen, wie weit wir heute vom Verständnis für unverbaute grüne Landschaften abgekommen sind. Wo ist denn da noch etwas unverbaut und Natur?

Derjenige, der das so geäußert hatte, der hat entweder noch keinen Blick aus den großen Fenstern dieses Bürogebäudes genommen oder er weiß – wegen der starken Bautätigkeit längs der Bergstraße – überhaupt nicht mehr, was man unter „unverbauter Landschaft“ eigentlich zu verstehen hat, weil hier längs der Bergstraße bereits fast überall schon alles verbaut ist.

Kein Verständnis für die Natur

Wie weit weg wir heute mit unserem Verständnis für die Natur und unserer Verbindung zur Natur schon gekommen sind, das zeigt die Tatsache, dass es früheren Bensheimer CDU-Politikern – trotz der Beteiligung der Grünen Liste Bensheim (GLB) an der damaligen Bensheimer Koalition – gelungen ist, aus dem zuvor noch von der Regionalversammlung festgelegten einzigen Grünzug (im Westen der Bensheimer Gemarkung) das Gewerbegebiet „Stubenwald I“ zu machen. Doch damit nicht genug. Es folgte dann wenige Jahre später – auch mit der Unterstützung der GLB – wie überall so üblich – das Gewerbegebiet „Stubenwald II“, das nunmehr im Westen schon bis 100 Meter an die Lorscher Gemarkungsgrenze heranreicht.

Man hat also – überspitzt gesagt – einen landschaftsprägenden Bensheim-Lorscher Grünzug durch zwei Gewerbegebiete zerstört, damit die Beschäftigten von einem tollen neuen Bürohaus aus dann einen (nicht mehr vorhandenen) Blick in eine nicht mehr unverbaute Landschaft genießen können sollen. Es lebe der ungebremste Flächenverbrauch!

Jürgen Schwerdt

Bensheim

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser- anzeiger.de/leserforum

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