Leserbrief

Fürstenlager

Gartenrotschwänze meiden neue Nistkästen

„80 neue Nistkästen für Gartenrotschwänze“, BA vom 7. April

Hohe Strategieansprüche, auf großer Fläche, große Freude, großer Pressartikel, große medienwirksame Lobhudelei – aber auch mit größerem naturschutzfachlichem Fehler. Bei Berücksichtigung der Verhaltensbiologie des Gartenrotschwanzes hätten zumindest zwei der abgebildeten hochkarätig gebildeten Herren diesen Fehler vermeiden können: Gartenrotschwanzkästen hängt man nicht neu, sondern „vorgealtert“ auf.

Selbst als Vogelschutzbeauftragter seit Jahrzehnten tätig, muss ich bitten, die allgemeine Freude, man hätte ab sofort schon in 2018 mit vermehrten Gartenrotschwanzbruten zu rechnen, noch drei bis fünf Jahre zurückzustellen.

Man verwechsle den Hausrotschwanz, der sogar nach Holzschutzmitteln „stinkendes“ Neubaugebälk und von Bauarbeiten beeinträchtigten Nistgelegenheiten nutzt, auf jeden Fall nicht mit dem Gartenrotschwanz. Der Höhlenbrüter, Gartenrotschwanz, meidet technische Gerüche und neu verarbeitete Materialien genau so wie den störenden Publikumsverkehr des Fürstenlagers auch noch bei größerem Abstand zu Wegen und Gebäuden.

Mit Kompost vollstopfen

Aus Erfahrung kann ich eigene Misserfolge mit neuen Nistkastenmaterialien anführen. Die neuen Holzbetonkästen aber auch aus neuen Holzbrettern gebauten Nistkästen sollten zuerst Mitte Sommer mit fertigem Kompost vollgestopft und die Kästen insgesamt über Herbst und Winter im Komposthaufen eingegraben bleiben, damit der Geruch und die optische Erscheinung eher einer modrigen, natürlichen Baumhöhle entsprechen.

Rot bemalte Teile oder ein helles weit sichtbares Störbild sind werbewirksam – besonders für Eierdiebe aller Art. Will man die Alterung neuer Nistkästen am Baum abwarten, so ist auf längere Zeit ein vielleicht idealer Aufhängeplatz für Gartenrotschwänze bestenfalls durch andere Arten belegt. Mit biologisch durch Kompost vorgealterten Nistkästen ist ein kurzfristigerer Bruterfolg zu erwarten.

Keine pausenlosen Erfolge

Öffentlichkeitswirksam publizierte Naturschutzmaßnahmen verstellen all zu oft den Blick auf zwingend nötige, aber fehlende Details und verbreiten das Zerrbild, der Naturschutz habe pausenlos Erfolge. Dabei zeigt die Realität, dass das rasant beschleunigte Artensterben trotz erheblich gewachsener Naturschutzverbände und staatlicher Hilfsprogramme nicht einmal gebremst werden konnte – geschweige denn eine Verbesserung erreicht wurde. Nistkästen aufhängen und nebenan Insekten vergiften lassen geht einfach nicht.

Wunsch und Wirklichkeit stehen im krassen Widerspruch – doch es wird permanent versucht, diese Tatsachen öffentlich mit Scheinerfolgen oder schieren Erfolgserwartungen zu übertünchen.

Für mich ein Grund mehr, die dazu noch administrativ fehlerhaft agierenden Groß-Naturschutzverbände zu meiden. Es ereignet sich im Naturschutz längst negativeres als der „Dieselskandal“.

Paul Reil

Lautertal

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser- anzeiger.de/leserforum

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