Leserbrief

Busverkehr

Kein Wunder, dass die Menschen nicht aufs Auto verzichten

„Wenn die Busfahrt zum unschönen Erlebnis wird“, BA (BAnane) vom 11.11.2019

Mit großer Freude habe ich diesen Erfahrungsbericht einer 16-jährigen Schülerin aus Bensheim zur Kenntnis genommen. Sie hat mir so aus der Seele gesprochen. Ich bin kein Einzelfall, Hurra!

Einfach ankommen: Das steht auf den hellblauen Bussen des VRN oder VGG. Man weiß nicht, wer hier Ansprechpartner ist.

Ich habe noch die Fahrplanbibel „Nördliche Bergstraße - Heppenheim“ vom 9.12.2018. Längst abgelaufen. Auf Seite 4 die Grußworte des Heppenheimer Bürgermeisters. Sie enden mit: „Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre unserer neuen Fahrplanbroschüre. Für Fragen, Anregungen und Kritik stehe ich gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gerne zur Verfügung. Allzeit gute Fahrt!“

Rad ist bestes Verkehrsmittel

Also ich habe schon was Spaßigeres als Fahrpläne gelesen. Allzeit gute Fahrt, das klingt wie Zukunftsmusik. Auf jeden Fall nicht hier mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Ich sehe den Bürgermeister der Stadt Heppenheim öfters mit dem Rad fahren. Das mache ich auch in Heppenheim. Das beste Verkehrsmittel schlechthin. Umweltbewusst, gesund für den Körper, billig und keine Parkplatzprobleme und schnell.

Gelegentlich muss ich aus beruflichen Gründen nach Bensheim oder Auerbach fahren. Ich habe kein Auto. Ich wohne in der Heppenheimer Weststadt. Da gibt es eine Linie 669, die Heppenheim mit Alsbach verbindet. Seit März wurde die ehemals durchgehende Linie 669 zweigeteilt. Einmal fährt sie von der Weststadt (Krankenhaus, REWE-Markt) zum Bahnhof Heppenheim. Das nennt sich jetzt Shuttlebus. Eingeführt wegen der unendlichen Geschichte vom Bau eines Kreisels in Heppenheim.

Dann steigt man am Bahnhof in Heppenheim in den Bus nach Alsbach, der sinnigerweise die gleiche Nummer hat, nämlich 669. Seit März ist es an der Tagesordnung, dass die Busfahrer gefragt werden: Fahren sie nach Bensheim oder fahren sie ins Krankenhaus? So etwas habe ich noch nie erlebt. Man muss dazu sagen, dass die Busse keinen festen Haltepunkt an der Businsel haben. Mal parken sie links, mal auf der rechten Seite. Sieht man den Bus nur von hinten, wo die Nummer 669 draufsteht, weiß man noch lange nicht, wo er hinfährt.

Das Jahrhundertwerk Kreisel ist beendet. Der Shuttlebus fährt immer noch. Ein großer Gelenkbus. Ich kann mich kaum erinnern, dass er pünktlich an meiner Haltestelle „Erbachwiesenweg“ ankommt. Ich sitze immer schon zehn Minuten vor Ankunft des Busses auf den eiskalten Metallsitzen. Und immer der Gedanke: Wenn er jetzt nicht gleich kommt, verpasse ich den Anschluss nach Bensheim. Das läuft dann so ab. Meist sitze ich hinterm Fahrer, stets darauf aus, einen hellblauen Bus zu erspähen. Und dann trifft das ein: Mitten in der Stadionstraße, auf Höhe des Freibades begegnen sich die beiden Linien 669. Das heißt, man steigt im Schweinsgalopp aus und hechtet in den anderen Bus hinein. Ich habe auch schon erlebt, dass sich beide Fahrer anschreien. Der eine zum anderen: „Du musst auf mich warten“. Während der andere sagt: „Fahr doch schneller!“

Nicht selten ist der Anschlussbus schon weggefahren. Dann ist nicht mal eine Anzeige auf dem Display, wann der nächste Bus nach Alsbach fährt. Dann darf ich da noch mal eine halbe Stunde sitzen und warten und frieren.

Versuchskaninchen bei Linie 669

Seit Montag dieser Woche ist bei der Linie 669 ein neuer Fahrplan in Kraft getreten und ausgerechnet ich war das Versuchskaninchen. Ich musste mit dem ersten Bus um 4.51 Uhr morgens fahren. Wer kam natürlich nicht pünktlich? Richtig! Angeblich wusste der Fahrer gar nichts von einem Fahrplanwechsel. Jedenfalls am Berufsverkehr kann es nicht gelegen haben, dass er über fünf Minuten Verspätung hatte.

Freitag letzter Woche habe ich schon im Vorfeld im Internet gesehen, dass es regnen wird. Ich musste in Heppenheim arbeiten. Kein Wetter zum Radfahren. Also wollte ich den Bus um 15.03 Uhr ab „Erbachwiesenweg“ nehmen. Und wieder knapp zehn Minuten Verspätung. Sicherheitshalber zahlte ich erstmal nichts. Kann ich ja auf der Weiterfahrt in Richtung Bensheim machen, wenn ich in der Innenstadt in Heppenheim aussteige. Dazu kam es nicht. Der Bus war weg. Sollte ich eine halbe Stunde warten für einen Sieben-Minuten-Weg? Die Fahrgäste in den Bussen sind stets verärgert. Es gibt etliche, die durch Ausfall oder Verspätung sogar ein Taxi nahmen. Aber es gibt auch witzige Stories. Einmal kam der Bus pünktlich von der Weststadt an den Bahnhof. Die Fahrgäste stiegen in den ankommenden Bus nach Bensheim ein. Der Bus fuhr aber nicht los. Die Leute riefen: „Der Bus war schon da.“ Nein, ich muss warten, bis der Bus kommt. Da lachten im Hintergrund Fahrgäste aus Mannheim und sagten: „Des heb isch a noch net erlebt, dass ma uffn Bus waade muss, wu schun do waar!“

Ich bin in meinen Urlauben immer in Städten unterwegs. Ich fahre immer mit der Bahn. Ich hatte noch nie Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Weimar, Erfurt, Dresden, Leipzig und Schwerin. Da klappt das. Es ist entspannend, wenn man weder lang warten noch rennen muss. Das ist eine Lebensqualität, die habe ich hier nicht.

Ich weiß nicht, welche Schreibtischtäter sich diesen Shuttle ausgedacht haben. Diese Lummerlandlinie stiehlt Zeit und kostet Nerven.

Ich wünsche mir, dass diejenigen selbst einmal aktiv am Busverkehr teilnehmen, um zu sehen, wie Planung und Realität auseinanderdriften. So wie das hier läuft, geht das gar nicht in Bezug auf „Alternative zum motorisierten Individualverkehr“. Mich wundert es nicht, dass hier die Menschen nicht auf ihr Auto verzichten wollen.

Erika Falkenstein-Schumacher

Heppenheim

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser-anzeiger.de/leserbriefe

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