Leserbrief

Flächenverbrauch

Kirchturmdenken muss endlich ein Ende haben

"Bauen und Leben in der Region", BA-Beilage vom 31. März

Es ist bekannt, dass man Fläche nicht vermehren kann. Ebenso ist bekannt, dass in Deutschland tagtäglich eine Fläche von circa 100 Fußballfeldern überbaut wird, was gleichzeitig die für die Landwirtschaft und die Erholung zur Verfügung stehende Fläche weiter reduziert. In den Jahren 2002 bis 2005 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2006 in Deutschland insgesamt 1670 Quadratkilometer Land für Siedlungs- und Verkehrsflächen "verbraucht" - das sind 114 Hektar pro Tag.

Für sich genommen erscheint dieser Flächenverbrauch - bezogen auf die Gesamtfläche der Bundesrepublik Deutschland - eigentlich gering. Da aber Fläche nicht vermehrbar ist, bringt jede weitere Überbauung vielerlei Nachteile mit sich, die insgesamt betrachtet so schwerwiegend sind, dass sich die Bundesregierung veranlasst sah, sich zum Ziel zu setzen, den Flächenverbrauch von 81 Hektar täglich (noch im Jahr 2013) ab dem Jahr 2020 auf täglich 30 Hektar zu begrenzen. Das wäre ein sehr großer Fortschritt.

Selbstbeschränkung nötig

Dieses Ziel könnte aber nur dann erreicht werden, wenn sich die Städte und Gemeinden jeweils eine sehr starke Entwicklungsbeschränkung auferlegen würden. Darauf zu hoffen, ist jedoch eine Illusion, wie man deutlich an dem gravierenden Flächenverbrauch im Rhein-Main-Gebiet und in unserer Region feststellen kann.

Ich verweise hier auf die in der oben erwähnten Zeitungsbeilage enthaltenen Angaben über die neuen Baugebiete in unserer Region. Demnach ist allein für die nächste Zeit in unserer Region insgesamt ein Flächenverbrauch von 43,6 Hektar vorgesehen - woran unsere größten Städte Bensheim und Heppenheim mit 17,3 Hektar beziehungsweise 14 Hektar den Löwenanteil tragen.

An eine Be- beziehungsweise Einschränkung denkt die Kommunalpolitik nicht. Vielmehr beherrscht nach wie vor das Kirchturms- und das zerstörerische Wettbewerbsdenken die Denkweise der Kommunalpolitiker - sowie die völlig abwegige Vorstellung, ihr eigenes Gemeinwesen müsste in der Fläche ständig weiter wachsen, um weiterhin existieren zu können. Denn wie heißt es so schön: "Stillstand ist Rückschritt."

Stillstand nicht immer Rückschritt

Gilt das aber für alle Bereiche des menschlichen Lebens? Gilt das auch für die räumliche Ausdehnung der Kommunen? Und ist es nicht eher als "Stillstand" (geistiger Natur) anzusehen, wenn die Politik in ihrer Verhaltensweise nichts verändert und in immer gleicher Weise nur damit fortfährt, ein neues Baugebiet oder Gewerbegebiet an das andere zu reihen? Ist darin ein echter Fortschritt zu sehen? Ist ein solches Mehr tatsächlich auch immer ein Mehr an Lebensqualität? Das muss man stark anzweifeln.

Vielmehr sind mit der flächenmäßigen Ausdehnung der Kommunen zahlreiche Nachteile unvermeidbar verbunden. Ich nenne hier beispielhaft: höhere Ausgaben der Städte und Gemeinden durch zusätzliche Ausgaben (Infrastruktur), stärkeres Verkehrsaufkommen, Verkehrsstaus (auch durch die Zunahme des Pendlerverkehrs.), damit verbunden der Bau weiterer Umgehungsstraßen, erhöhter Stress für die Bewohner einer Stadt und Zerstörung der Naherholungsräume.

Ist es wirklich im Interesse der Mehrzahl der Bürger einer Stadt wie Bensheim und Heppenheim, dass sie sich ständig weiter vergrößert? Entspricht das dem Gemeinwohl, dem die Kommunalpolitiker zum Beispiel laut Hessischer Gemeinde-Ordnung (HGO) verpflichtet sind?

Horst Becker

Bürstadt-Riedrode

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