Leserbrief

Natur

Kormorane sind keine Gefahr für seltene Fischarten

„Kormorane machen den Anglern Ärger“, BA vom 26. März

Das tiefschwarze Bild, das hier der Angelverein Bensheim von der Rolle des Kormorans gezeichnet hat, bedarf einiger Korrekturen. Befürchtungen wie Leerfressen von Gewässern, Übervermehrung, Bestandsbedrohung seltener Fischarten, besonderer Appetit auf „Edelfischarten“ gehen an der Sache vorbei oder sind stark übertrieben.

Einige Hinweise zur Biologie der Kormorane können helfen, das Bild von dieser heimischen Vogelart zurechtzurücken:

Kormorane ernähren sich von Fischen, bevorzugt von Massenfischen von 10 bis 20 Zentimetern Länge. Sie jagen effektiv, da der Aufwand für die Vögel, von dieser Beute zu leben, enorm hoch ist. Sie haben es nicht gezielt auf seltene oder „Edelfische“abgesehen, erbeuten diese aber leicht, wenn sie infolge fragwürdiger Besatzmaßnahmen der Angler angeboten werden.

300 bis 500 Gramm Fisch

Den Tagesbedarf eines erwachsenen Vogels schätzt man auf 300 bis 500 Gramm (nicht 500 bis 700 Gramm wie vom Angelverein angegeben). Der Nahrungsbedarf steigt aber natürlich an, wenn die Vögel durch Schüsse oder gezielte Störungen häufig aufgescheucht werden und dabei viel Energie verbrauchen, die sie ersetzen müssen.

Aus dem Zugverhalten der Kormorane ergibt sich, dass es sinnlos ist, Hochrechnungen über die Masse von gefressenem Fisch in einem Gewässer anzustellen. Es gibt dazu keine auch nur annähernd plausiblen Zahlen. Die Vögel ziehen im Herbst aus dem Hauptverbreitungsgebiet im Ostseeraum in die südlichen Überwinterungsgebiete. Zu den Zugzeiten kann es dann auch mal zu größeren Rastbeständen an den Bergsträßer Baggerseen kommen – aber nur kurzfristig.

Rastbestände meist kleiner

Wenn man mal 30 bis 40 Vögel antrifft, ist das schon selten. Meist sind die Rastbestände viel kleiner. Verlässliche Bestandszahlen gibt es nur durch die regelmäßigen Schlafplatzzählungen. Danach sind die Rast- und Überwinterungszahlen seit Jahren stabil bis leicht abnehmend. In Südhessen gibt es zudem nur eine Brutkolonie. Sie liegt am Rhein.

Solange sich Gewässer in einem annähernd naturnahen Zustand befinden, geht vom Kormoran keine Gefahr für seltene Fischarten aus. Anders sieht es bei künstlichen Gewässern (etwa Abgrabungen, Zuchtteiche) und bestimmten Fischbesatzmaßnahmen aus.

Politischer Druck

Bei gewerblichen Betrieben sind nichtletale Schutzmaßnahmen sinnvoll und im Einklang mit dem Naturschutzrecht möglich. Bei Gewässern, die dem Angelsport dienen, gibt es keinen Grund, vom gesetzlichen Schutz des Kormorans abzuweichen. Wo dieser Schutz der Europäischen Vogelschutzrichtlinie von 1979 aufgeweicht wurde, geschah das nicht aus fachlichen Gründen, sondern auf politischen Druck hin. Wirklich geholfen wurde damit den Anglern nicht. Vernünftigerweise sollte man den Kormoranen den Verfolgungsstress ersparen und sie stattdessen als natürliche Helfer akzeptieren im Bemühen um einen ausgeglichenen naturnahen Fischbestand in den Gewässern.

Stephan Schäfer

Bensheim

Kreisbeauftragter für Vogelschutz

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