Leserbrief

Fall Nawalny

Man sollte fragen, wem die Vergiftung nützt

In Deutschland findet der Fall Nawalny ein besonders großes Echo in Medien und Politik. Jeden Tag neue Mutmaßungen und Forderungen bis hin zu Erwägungen, die Gas-Pipeline Nordstream II nicht in Betrieb zu nehmen, wie vom Außenminister und der Bundeskanzlerin jüngst verlautbart. Sogar die Nato – ein Militärbündnis – schaltet sich in Gestalt von Herrn Stoltenberg ein und spricht gar von Bruch des Völkerrechts durch Russland. Ohne das schlimme Schicksal von Herrn Nawalny zu bagatellisieren, muss doch eingeräumt werden, dass dies mit Völkerrecht kaum etwas zu tun hat. Und während Russland alle Schuld von sich weist und mangelnde Kooperation Deutschlands beklagt, bleibt es im europäischen Ausland und den USA vergleichsweise still.

In solcher Gemengelage kann man unter Umständen der Wahrheit näher kommen, wenn man sich fragt, wem die Vergiftung Nawalnys letztendlich nützt. Dem Kreml kann man sicher manches nachsagen, aber kaum, dass man dort so dumm ist, seinen eigenen Interessen zuwider zu handeln.

Seit Jahren übt die US-Regierung Druck auf Deutschland aus, Nordstream II nicht zu bauen, weil dadurch eine Abhängigkeit von Russland entstünde. Fakt ist allerdings, dass Russland bzw. die frühere Sowjetunion Energielieferungen noch nie politisch instrumentalisiert hat, nicht einmal zu Zeiten des Kalten Krieges. Jüngst haben drei amerikanische Senatoren sogar ganz offen gedroht, den Hafen von Sassnitz wirtschaftlich zu vernichten, falls Nordstream II fertiggestellt würde. Sollte Russland vor diesem Hintergrund Öl ins Feuer gießen, indem es dem Regierungskritiker Nawalny ausgerechnet ein Nervengift sowjetischen Ursprungs verabreichen lässt? Ist diese Spur nicht allzu offensichtlich?

Wenn jetzt aber Nordstream II gestoppt wird, dann haben die USA endlich ihr Ziel erreicht und können ihr Fracking-Gas verkaufen. Und wir in Deutschland und Europa sind dann endlich unabhängig in Sachen Energieversorgung und sicher vor russischen Erpressungen. Andererseits kann die Bundesregierung in der Öffentlichkeit ihr Gesicht wahren, weil sie nicht eingestehen muss, dass sie vor der US-Regierung eingeknickt ist.

Peter Zehfuß

Einhausen

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