Leserbrief

Stadtentwicklung

Manche Idee erweist sich als Schnapsidee

Es braucht wieder Mut zur aktive Gestaltung, Leserforum vom 2. Januar

Widerspruch muss schon erlaubt sein, und man kann Kritik nicht dadurch abwerten, dass man sie als solche tadelt, ohne auf die Argumente einzugehen. Natürlich stellt ein offener Zugang zur Lauter besonders in der Nähe eines Kleinkinderspielplatzes eine zusätzliche Gefahrenquelle dar.

Dessen ist sich ja sogar unsere Baustadträtin bewusst, wenn sie bei der Ortsbegehung (BA vom 14. August 2020) betont, dass der Zugang nicht durch eine Treppe erleichtert, sondern durch massive Natursteinblöcke erschwert werden soll, um die Vorsicht der Nutzer zu gewährleisten und der TÜV diese Maßnahme unterstützt, „um nicht ein Gefühl der Sicherheit zu suggerieren und damit die Wahrscheinlichkeit von Unfällen zu steigern“. Man schafft also Unsicherheit, um mehr Sicherheit zu gewährleisten? Wem erschließt sich denn diese Logik?

So manche Idee, die anfänglich bestechend erscheint, erweist sich bei genauerem Bedenken oft als Schnapsidee; und man kann die Fetischisierung der Innenstadtbelebung auch auf die Spitze treiben. Da wird zuerst ein Bachlauf renaturiert, um ihn kurz darauf doch wieder zivilisieren zu wollen und bald wieder Freiwillige rekrutieren muss, die den dort anfallenden Zivilisationsmüll ehrenamtlich einsammeln.

Irritierend finde ich auch den konstruierten Zusammenhang zwischen den Plänen für die Lauter und die Neugestaltung des Kinderspielplatzes, der allerdings nichts im Wege stehen sollte.

Der Verfasser beklagt die „Verhinderungskultur“ und wendet sich damit offensichtlich gegen die sogenannten und gerne vielgeschmähten „Bedenkenträger“, übersieht dabei aber, dass deren Gegenspieler dann ja wohl die „Bedenkenlosen“ sind.

Desaströse Lage

Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, tatsächlich wurde während der letzten Legislatur kein einziges Projekt durch die politischen Gremien abgelehnt, was ja erst den großen Widerstand in der Bevölkerung hervorgerufen und zur Abwahl des Bürgermeisters geführt hat.

Deshalb sollte sich das Bürgernetzwerk vielleicht mal fragen lassen, ob sie nicht doch nur die Netzwerker einer organisierten Minderheit sind, die in ihren neuesten Verlautbarungen sich nicht genieren, gar nicht mal sehr subtil, Druck auf die neue Bürgermeisterin auszuüben (BA vom 11. Dezember 2020).

Ich weiß nicht, ob irgendjemand behaupten würde, dass Bensheim während der letzten Legislatur schöner geworden wäre. Mir stellt sich die Lage eher desaströser dar. Es sind Problemfelder geschaffen worden, die wir ohne die „bedenkenlosen“ Entscheidungen der letzten Legislatur nicht hätten.

Da hat eine kostspielige Wertevernichtung stattgefunden, die nun durch noch höhere Kosten verschlimmbessert wird. Ein Privatmann, der sein Eigentum alle 40 Jahre zerstören würde, wäre bald pleite.

Blinder Aktionismus

Mein Fazit ist, nicht die Bedenkenträger sind diejenigen, die Bensheim schlechtreden, sondern diejenigen, die unserer Stadt die „Aufenthalts- und Erlebnisqualität“ absprechen, um in blindem Aktionismus jede noch so abwegige Entscheidung durchsetzen zu wollen.

Für die nächste Legislatur wünsche ich mir jedenfalls Parteien mit einem klaren Profil und mehr Stadtverordnete, die sich dadurch profilieren, das sie mitdenken und „bedenken“, welche Folgen ihre Entscheidungen haben können.

Doris Tiemann

Bensheim

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