Leserbrief

Odenwaldschule

OSO hatte nicht nur schlechte, sondern auch gute Seiten

Zum Bericht: "Tragödie Odenwaldschule: Die Grabreden sind gelesen" im BA vom 15. September

Über was für eine merkwürdige Veranstaltung berichtet der BA? Bei Beerdigungen wird das gesamte Leben des Verstorbenen gewürdigt. Zu Beerdigungen kann jeder kommen, der Abschied nehmen und dem Verblichenen die letzte Ehre erweisen möchte. Die Trauergemeinde - diejenigen, die viele ehrliche und tief empfundene Tränen ob der aus wirtschaftlichen Gründen gescheiterten Odenwaldschule vergossen haben und immer noch sehr traurig sind - waren jedoch nicht eingeladen.

Es versammelten sich wohl diejenigen, die mit kaum verhohlener Freude das Ende einer einzigartigen, traditionsreichen Institution feiern und die ihren Anteil am Scheitern verantworten müssen. Allen voran der ehemalige Landrat Matthias Wilkes, der sich in den letzten Jahren um das Wohl der Schüler und Eltern mit keiner Aktion, mit keinem Wort gekümmert hat, sondern sehr einseitig Stellung auf der Seite der Opfervereinigung Glasbrechen bezogen hat. Dazu die wohl aus gutem Grund fristlos gekündigten Mitglieder des ehemaligen Leitungsteams - ohne Schulleiter Jan Fuchs, der sich bis zuletzt für die Schule eingesetzt hat.

Adrian Koerfer, der Vorsitzende einer der Opfervereinigungen, macht es sich sehr leicht, die Odenwaldschule als "schreckliche Schule" zu bezeichnen - wohl wissend, dass die Schule durch ihr einzigartiges pädagogisches Konzept vielen jungen Menschen, auch seiner eigenen Tochter, eine erfolgreiche Schulkarriere und einen guten Start ins Leben ermöglichte. Und es ist sehr einfach, uns Eltern in Verlautbarungen als Helikoptereltern zu diffamieren.

In vielen Bereichen vorbildlich

Gerne ignoriert wird, dass an der Odenwaldschule ganz "normale Schüler" mit Hochbegabten, mit Schülern der Jugendhilfe, mit von der Gesellschaft als unbeschulbar Abgestempelten, mit Schülern mit Dyslexie und Dyskalkulie und anderen besonderen Bedürfnissen in den allermeisten Fällen erfolgreich unterrichtet wurden.

Nicht zuletzt bedingt durch das integrierte Konzept der Gesamtschule und außerordentliche Engagement der rund hundert Lehrkräfte und Mitarbeiter, die nun ihren Arbeitsplatz verloren haben. Viele Schüler wurden so motiviert, dass sie schulbegleitend eine Ausbildung zum Schreiner, Schlosser, Chemisch-Technischen Assistenten oder Mediengestalter (IHK) absolviert haben. Die von Experten geforderte demokratische Teilhabe der Schüler wurde an der Odenwaldschule seit Jahren selbstverständlich gelebt.

Die wahren Trauernden

Die letzte Ehre wurde der Odenwaldschule am 6. September vor ihren Toren durch die wahren Trauernden - Eltern, Schüler und Mitarbeiter sowie Altschüler - erwiesen. Diese Trauerfeier fand im Wesentlichen ohne Beachtung der Öffentlichkeit und der Presse statt. Unsere Schullandschaft ist um einiges ärmer geworden. Das denkmalgeschützte, traditionsreiche Gelände mit seiner einzigartigen Architektur und einer der größten Schulbibliotheken Deutschlands liegt brach und verfällt. Entgegen den Verlautbarungen des Schulamts gibt es nach wie vor Schüler, die keinen adäquaten Schulplatz gefunden haben, und verzweifelte Eltern, die auf der Suche nach einem Platz für ihr Kind sind.

Die letzte Ehre eines Verstorbenen gebietet, neben den unbestritten schlechten und dunklen Seiten auch die guten, einzigartigen und unersetzbaren Seiten zu würdigen. Nicht zuletzt den monatelangen, kreativen und solidarischen Kampf der Schüler für ihre "Heimat", den sie in den allerletzten Wochen auch noch für Flüchtlinge geführt haben. Hier gebührt dem Jugendamt und dem Kreisbeigeordneten Matthias Schimpf unser Dank.

Anette Merke

Bensheim

Elternbeiratsvorsitzende der

Odenwaldschule

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