Leserbrief

Corona-Pandemie

Pandemie als Schub für die Digitalisierung?

App und Tracking sollen die virtuellen Waffen sein, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Die Bundesregierung hat Ende April einen Kurswechsel vollzogen und setzt nun auf ein dezentrales Modell. Das ist erfreulich, löst aber keineswegs alle Probleme.

Offenbar ist die Umsetzung komplizierter als gedacht. Vorgesehen ist jetzt ein Verfahren, mit dem Kontakte von Sars-Cov2-Infizierten schnell gewarnt werden können. Die Kontakte sollen sich in Quarantäne begeben und testen lassen, damit Infektionsketten schnell unterbrochen werden.

Allerdings müssten Schätzungen zufolge gut 60 Prozent der Bevölkerung (freiwillig) eine solche App installiert haben, um die Pandemie einigermaßen wirkungsvoll zu bekämpfen. In Deutschland wären das circa 50 Millionen Menschen. Erhebungen zeigen, dass nicht annähernd so viele ein Smartphone haben, um die App überhaupt nutzen zu können.

Berechtigte Zweifel

Eine Zusatzfunktion soll zudem (ebenfalls freiwillig) Daten an das Robert-Koch-Institut übermitteln. Skepsis ist angebracht. Nicht zuletzt ergibt sich hier ein zusätzliches Einfallstor für Angriffe. Insgesamt muss transparent sein, wo die Daten landen, wann und wie sie gelöscht werden und wie sicher die Infrastruktur der Server ist, auf denen die Informationen gespeichert werden.

Wie berechtigt Zweifel im momentanen Digitalisierungsschub sind, zeigt das Beispiel des Videokonferenzdienstes Zoom. Vor Corona wenig bekannt, explodierte die Zahl der Nutzer von zehn Millionen Ende 2019 auf jetzt etwa 200 Millionen: virtuelle Gottesdienste und Unterricht, Videoschalte beim Homeoffice, Fitnesskurse via Videostreaming – Zoom ist dabei das häufig genutzte Tool.

Nur: Von Datenschutz hält das US-Unternehmen nicht wirklich viel. Ende April wurde bekannt, dass das deutsche Außenministerium seinen Mitarbeitern verboten hat, für Dienstgeschäfte Zoom einzusetzen. Der Verdacht: Der Service entspricht nicht der EU-Datenschutzgrundverordnung.

Einige Wochen zuvor nahm laut Berichten der New york Times die US-Staatsanwaltschaft Ermittlungen in Bezug auf den Schutz von Nutzerdaten bei Zoom auf. Zudem häuften sich Fälle von sogenanntem „Zoom-Bombing“, bei dem Dritte Videokonferenzen angriffen und gezielt störten. Zuletzt durch Antisemiten bei digitalen Gedenkveranstaltungen anlässlich des Holocaust-Gedenktages Yom Hashoa der israelischen Botschaft und der jüdischen Studierenden Organisation Morasha Germany.

Rainer Scheffler

Lautertal

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