Leserbrief

Odenwald

Pauschale Urteile sind selten richtig

Wilkes schlägt in Odenwald-Debatte zurück, BA vom 10. Januar

Ihr habt Probleme!", möchte man ausrufen, wenn man das mittlerweile infantil-rechthaberische Gezänk um die Odenwald-Debatte verfolgt. Am Anfang steht ein stellenweise lausig geschriebenes Pamphlet einer offensichtlich schwer traumatisierten Journalistin, das ich aber immerhin als Meinungsäußerung begreifen kann. Nein, eine Perle des Journalismus - oder gar der Literatur - ist es nicht.

Was aber nachgerade lächerlich wirkt, ist die Erregung, die sich daraufhin breitmacht und nun in Verteidigungsversuche oder die gegenseitige Beschimpfung bzw. Verunglimpfung verschiedener Landstriche mündet. Halten wir doch einfach mal fest: Es gibt in Deutschland objektiv schöne Gegenden - ebenso, wie es offensichtlich öde Landstriche oder Städte gibt.

Aber: Es gibt vor allem eine ganz persönlich empfundene Heimatverbundenheit, welche sich mit diesen Kategorien gar nicht einfangen lässt. Man kann in hässlichen Käffern eine schöne Kindheit verleben - ebenso wie es möglich ist, im Schatten romantischer Vorzeige-Fachwerkhäuser zum psychischen Wrack heranzureifen - Heimatliebe und psychische Gesundheit können in jedem Eckchen Germany reifen, genauso wie sie an der nächsten Ecke durch andere Faktoren zunichtegemacht werden können.

"Geistig im Sandkasten"

Die Diskussion kann also zu keinem objektivierbaren Ergebnis führen, weil sie in jedem Fall persönlich geprägt ist. Wer seine Jugend als trist empfindet, der mag die vermeintliche Ödnis der Gegend als Schuldigen ausmachen - ein allzu offensichtlicher Versuch, einen Sündenbock zu finden.

Wer sich dann aber im Gegenzug auf das Niveau herablässt, die Heimat des jeweils anderen ebenso pauschal zu diffamieren oder mit einem erhobenen Zeigefinger stets ein "Ja, aber" auf den Lippen zu führen, der hat geistig den Sandkasten nicht verlassen, in dem man sich gegenseitig die Förmchen wegnahm und Sand in den Nacken kippte. Und: Er wird scheitern, denn alle haben Recht. Subjektiv mag jede Ansicht richtig sein - und man sollte sie ebenso stehenlassen wie die Dörfer des Odenwaldes oder die grauen Straßenzüge Frankfurts.

Verzeihen wir der Autorin also die Kifferei und die Diebstähle ebenso wie die pauschalierenden Urteile oder ihre gießkannenartig verteilten Beleidigungen. Denn wir wissen, dass pauschale Urteile selten richtig sind. Nehmen wir ihre verbalen Ergüsse als psychologische Aufarbeitung einer verunglückten Jugend. Sie leidet an Heimat-Tourette. Üben wir uns in Gleichmut. Denn Frustrierten soll man zuhören.

Gunnar Schnarchendorff

Heppenheim

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