Leserbrief

Gesundheitspolitik

Profit steht über Gemeinwohl

Über der Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird oft vergessen, dass wir gleichzeitig gerade in der Medizin eine explosionsartige Entwicklung im wissenschaftlich-technischen Know-how erleben. Auf diesen Fortschritt mag ich nicht verzichten.

Für mich ist beruhigend, dass es für den Notfall in der Nähe das Luisenkrankenhaus gibt. Paradebeispiel für mich ist die Endoskopieabteilung, wo ich selbst erlebt habe, dass Menschen medizinisch versorgt werden und gleichzeitig als Patienten oder Angehörige sehr menschlich behandelt werden. Darauf mag ich nicht verzichten.

Ich bin empört darüber, dass Gremien, denen unsere gesundheitliche Versorgung anvertraut wurde, mit einer solchen Leichtfertigkeit medizinische Einrichtungen schließen, wie dies im Fall des Lindenfelser Krankenhauses jetzt durchexerziert werden soll.

Ich werde mich nicht darauf einlassen, die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften anzumahnen - auch, wenn es mir seltsam vorkommt, dass die Bekanntgabe einer solch einschneidenden Maßnahme wie eine Schließung gerade mal drei Monate vor der Umsetzung erfolgt.

Ich bin empört, wenn ich lesen muss, dass der Wert und der Erfolg eines Krankenhauses danach bemessen wird, ob es eine "schwarze Null schreibt" oder nicht. Im Klartext bedeutet das für mich, dass hier der Profit über das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung gestellt wird. Hier sind aus meiner Sicht nicht die Kosten aus dem Ruder gelaufen, sondern unser Wertesystem. Die Wertschätzung für unser Gemeinwohl geht in Bilanzen und Kostenrechnungen unter: Das ist lebensgefährlich für eine Gesellschaft.

Mir reicht es jetzt. Ich finde, wir Menschen im Odenwald sollten uns das nicht mehr länger bieten lassen. Ich erwarte, dass im Gesundheitswesen endlich nach wirklich aussagekräftigen Qualitätsparametern optimiert wird.

Dazu gehört neben der Qualität von Personal und Einrichtungen auch die Erreichbarkeit. Maximierung der Bettenbelegung und Minimierung der Aufenthaltsdauer von Patienten - ohne Rücksicht auf deren individuelle Situation - führen auf Dauer in den gesellschaftlichen Ruin.

Unsere Politiker sind aufgefordert, rasch wirkungsvolle Maßnahmen umzusetzen, damit diesem Unfug ein Ende bereitet wird - und das Luisenkrankenhaus uns langfristig erhalten bleibt.

Prof. Dr. Richard Schilling

Rimbach

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel