Leserbrief

Mahnmal Synagoge

Reicht ein Schriftzug den Christen heutzutage?

„Schriftzug für das Mahnmal finanziert“, BA vom 20. November

Es waren die dunkelsten Stunden, die die Juden einer Gemeinde, einer Stadt am 9. November 1938 über sich ergehen lassen mussten. Viele Mitbürger sahen zu, wie ihre „braunen Mitbürger“ die Synagogen stürmten. Sie schleppten Gebetsrollen und andere Gegenstände auf die Straßen und zündeten danach die jüdischen Gotteshäuser an.

Die jüdischen Mitbürger waren Demütigungen ausgesetzt; ihr Leben wurde bestimmt von der Angst, in ein Konzentrationslager abtransportiert zu werden. Nach der „Umsiedlung“ in ein KZ wurde der Besitz der Juden von ihren Mitbürgern schnellstens „arisiert“.

Viele der Zuschauer, wie auch viele Täter, waren Christen. Die meisten von ihnen waren fromm, sie beteten zum Juden Jesus, sie lasen in den Evangelien. Der Evangelist Matthäus nannte in seinen Texten Jesus „König“, er schrieb in seinem Evangelium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dieser Satz wurde in der Reichskristallnacht und bis nach 1945 ignoriert, auch von den meisten Christen.

Wie wird dieser Satz von den heutigen Christen wahrgenommen, wird dem Sinn entsprechend gehandelt oder reicht es ihnen, wenn ein „Schriftzug“ angebracht wird?

2020 interessiert besonders die konkrete Frage: Was denken die deutschen Christen über „Semiten“ (Antisemitismus) und „Asylanten“ (Hungersnot, Krieg, Trennung von Familien, Flucht unter Lebensgefahr)? Hat im Jahr 2020 die Aussage: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ für die heutigen Christen überhaupt noch eine Bedeutung?

Dieter Markowetz, Bensheim

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