Leserbrief

Haus am Markt

„Retro-Neubau“ wird nicht für Belebung sorgen

Nach dem Beschluss der Koalition soll das Haus am Markt abgerissen und durch einen „Retro-Neubau“ ersetzt werden. Grund: Sanierungsaufwand zu hoch! Zielvorgabe: „Belebung des Marktplatzes“.

Was sagte doch der Wortführer der C-Partei bei der Sitzung, als es um die Genehmigung der Kostensteigerung für den Umbau – nicht Sanierung – des Bürgerhauses ging: Ein Investor hätte abgerissen und neu gebaut. Er war wirklich beeindruckend, der Vortrag im Kolpinghaus. Die größte Oppositionspartei war beim Bürgerhaus so beeindruckt, dass sie, als einzige Partei geschlossen zustimmte.

Nur etwas hat die CDU offensichtlich nicht verstanden: Ein Investor prüft als erstes die Wirtschaftlichkeit seines Invest, auf Basis realer Kosten und Bauzeitplanung. Selbstverständlich werden alle vorhersehbaren Kosten, einschließlich der zu erwartenden Inflationskosten, mit eingeplant. Schönrechnereien schaden nur. Das kenne ich aus meinem Berufsleben. Der Bericht über das Neubauprojekt „Dr. Reckeweg“ bestätigt dies auch eindrucksvoll. Hier sind Kostenaufwand und Einhaltung der Termine wichtige Kostenfaktoren.

Keine Publikumsmagnete

Aber stellen wir uns einmal vor, der Eigentümer eines der Häuser am Markt stellt Antrag auf Abriss, mit genau der Begründung: „Sanierungsaufwand zu hoch.“ Das Geschrei der Bensheimer Wortführer und derer Vasallen möchte ich hören.

Die beiden sozial ausgerichteten Vereine, die ins neue Haus am Markt ziehen sollen, sind keine Publikumsmagnete. Die meisten Bürger möchten sich doch den Besuch dort ersparen. Nur die Frage muss erlaubt sein: Wäre dafür das sich im Besitz der MEGB befindliche Kaufhaus Krämer nicht viel besser geeignet? Hier müssten alte und gebrechliche Menschen – mit oder ohne Rollator/Rollstuhl – nicht zusätzlich einen Anstieg über Pflastersteine hinter sich bringen. Also ideale Zugangsbedingungen, direkt von der Fußgängerzone. Selbst ein außenliegender, behindertengerechter Panorama-Aufzug wäre technisch und finanziell kein großes Problem.

Ein zu erwartender Flop

Dann noch das Argument „Belebung des Marktplatzes“ durch den Neubau mit Café. Eine „Gastwirtschaft“ gab es schon im bestehenden Haus – nur seit Jahren geschlossen. Um dieses „neue Café“ aufzusuchen, muss es schon mehr bieten als die Lokale in der unteren Fußgängerzone. Bieten diese, besonders durch die Straßenbewirtung, neben einem vielfältig strukturierten Angebot auch die Möglichkeit eines kurzen Wortwechsels mit Bekannten, die gerade vorbei gehen. Auch mag nicht jeder das Geläut der Kirchenglocken vom nahen Turm. Mich störte dies schon, als ich eine vom Kulturbüro organisierte Ausstellungen aufsuchte.

Dieses „Projekt“ wird ein zu erwartender Flop. Die so schwer an der (nicht vorhandenen) Verantwortung tragenden Stadtverordneten und Magistratmitglieder haften nicht dafür. Die jetzigen Jugendlichen werden zahlen müssen, sei es durch Steuererhöhung oder allgemeinen Einsparungen für dringend erforderliche Zukunftsprojekte.

Vom einstigen Flair Bensheims, das mich vor über 40 Jahren hierher brachte, ist leider kaum noch etwas vorhanden. Schade!

Hermann Bausch

Bensheim

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