Leserbrief

Vertuschungs-Vorwurf

"Sagen, was ist - ja! Aber was ist denn eigentlich?"

"Aufregung nach Vertuschungs-Vorwurf", und Kommentar "Falsche Zurückhaltung", BA vom 4. Februar

Schaut man sich den Sachverhalt näher und vielleicht auch nüchtern an, muss man sich Fragen stellen. Tatsächlich haben sich wohl am frühen Abend des 24. Januar Jugendliche auf dem Bahnhofsvorplatz in Bensheim geprügelt. Angesichts der 28 900 erfassten Körperverletzungen in Hessen im vergangenen Jahr ist das mehr als nur ein Tagesgeschäft für die Polizei. 1200 (ca. vier Prozent) der Fälle fanden mit Beteiligung von bzw. zwischen Flüchtlingen statt (Quelle: hessenschau.de).

Gefahr für Dritte bestand beim Bensheimer Vorkommnis keine. Der Streit konnte beendet werden, ein Verletzter kam ins Krankenhaus, das er am folgenden Tag verlassen konnte. Sagen, was ist?! Ja, sagen was ist! Nur was ist eigentlich?

Ohne Familie im fremden Land

Jugendliche mit Migrationshintergrund, ohne Familie, alleine in einem fremden Land, unter sich, mit diversen Traumata, sind nicht anders als einheimische Jugendliche. Sie prügeln sich. Aus den gleichen Gründen wie Einheimische. Muss man das wirklich sagen? Oder geht es nur darum, dass der eine oder die andere gerne sein/ihr Weltbild bestätigt sieht, indem über solche Bagatellfälle immer berichtet wird. Man will ja schließlich wissen, wie diese Flüchtlinge so sind - während die gleichen Fälle von Einheimischen sporadisch an die Öffentlichkeit kommen?

Ist es denn nicht richtiger, Fälle nach ihrer Schwere an die Öffentlichkeit zu bringen? Wäre der Fall so - wie er in bösartiger Weise kolportiert wurde - , dass ein unbescholtener Bürger angegriffen und krankenhausreif geschlagen wurde, dann müsste eine solche Nachricht sofort über die Ticker gehen und selbstverständlich die Öffentlichkeit informiert werden. Nur war es - glücklicherweise - kein solcher Fall.

Verzerrtes Bild der Wirklichkeit

Also: Sagen, was ist - ja! Aber nicht alles sagen, was ist, nur weil es mit Flüchtlingen zu tun hat. Das würde ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen und ebenso verzerrte Weltbilder bestätigen und festigen.

Insofern macht die Polizei gute Arbeit, und sie verhält sich richtig, wenn sie Vorkommnisse nach ihrer Schwere beurteilt und veröffentlicht und nicht nach Herkunft der Täter. Der Fall, der sich wenige Tage später rückwärtig des Bahnhofs ereignete und auch sechs Tage brauchte, um ans Licht der Öffentlichkeit zu gelangen, ist wesentlich schwerwiegender und vor allem beachtenswerter: Vier Männer prügeln auf zwei Jugendliche aus Afghanistan ein.

Wenn wir unsere Grundwerte verteidigen wollen, sollten wir uns wieder vor Augen führen, welche das eigentlich sind. Für mich gehören zum christlichen Abendland vor allem die Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Recht. Vieles, was wir in Zusammenhang mit Flüchtlingen derzeit vernehmen, ist weit von diesen Werten entfernt. Deswegen stellt sich die Frage: Ist die Kirche eigentlich noch im Dorf? Und was genau meinen die Abendlandverteidiger von PEGIDA und Co. eigentlich zu verteidigen? Wir können unsere Werte nur verteidigen, indem wir sie vorleben und von diesen auch nicht abrücken.

Sabine Reiner (Vorsitzende

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